Question: Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

Die Liebe Ferdinands – des Sohnes des Präsidenten und Luise – der Tochter eines Stadtmusikanten muss tragisch scheitern, weil sie außerstande ist, die Intrige und all die Schwierigkeiten zu überstehen. Erst durch den Tod der beiden wird der Despotismus vom Präsidenten sichtbar.

Wer befürwortet die Liebesbeziehung zwischen Ferdinand und Luise?

Das Drama handelt von der Liebesbeziehung zwischen Luise Miller und Ferdinand Walter. Ferdinand Walter ist Sohn eines adligen Präsidenten, weshalb sein Vater und dessen Sekretär Wurm, gegen diese Liebe intrigieren.

Warum soll Ferdinand Lady Milford heiraten?

Als dieser nicht glauben will, dass es sich dabei um eine ernsthafte Angelegenheit handelt, schlägt der Sekretär vor, Ferdinand zu testen. Er soll nämlich Lady Milford heiraten, die als Mätresse des Fürsten einen zweifelhaften Ruf hat, und aus diesem Grund von Ferdinand abgelehnt werden kann.

Wer hat Schuld an Luises Tod?

Neben Ferdinand trägt auch Luise einen Teil der Schuld. Sie lässt sich von Wurm dazu überreden, den Brief an Hofmarschall Kalb zu schreiben, um ihren Vater zu retten ,,Kann ich ihn [Ferdinand] zwingen, dass er [Ferdinand] mich hassen muss? - Wir wollen versuchen. (S. 55, Z.

Was passiert bei Kabale und Liebe?

Das Drama handelt von der Liebesbeziehung zwischen Luise Miller, Tochter eines bürgerlichen Stadtmusikanten, und Ferdinand von Walter, Sohn des adligen Präsidenten von Walter. Durch ein Intrigenspiel von Ferdinands Vater und dessen Sekretär Wurm wird diese Liebe unmöglich und endet in einer Katastrophe.

Wer tötete bei Schiller die Miller?

Blind vor Wut und Verzweiflung vergiftet Ferdinand sich und Louise. Sterbend ist Louise befreit von ihrer Schweigepflicht, offenbart Ferdinand die Intrige und vergibt ihm.

Derartige Zuschreibungen laufen auf eine zentrale Annahme hinaus: »Die Romantik wird fortgesetzt und gleichzeitig verwandelt, umgedeutet. Klar sollte sein, dass ein Epochenwechsel prozessual und nicht durch abrupte Verschiebungen verläuft.

Denn klar sollte bis hierher auch geworden sein, dass Überlagerungen dieser Art ein zeitreflexives Moment erzeugen: Traditionell-epigonale und neuartige Elemente halten sich anscheinend die Waage vgl. Dabei gilt zu beachten, dass beileibe nicht alle Texte tatsächlich Zeichenarsenale der Goethezeit im Allgemeinen oder der Romantik im Besonderen abrufen, weitaus mehr Texte allerdings durchaus die Orientierung an der Vergangenheit als bedeutungstragendes Element einsetzen.

Allein bleibt dabei der letzte Zusatz eine unbegründete Mutmaßung Sengles. Zwar deutet er eine entsprechende Blickrichtung auf Texte wie Immermanns Die Epigonen an, führt diese aber stets auf die Perspektive des jeweiligen Autors zurück. Sengle spricht über die Verfasser, nicht über Texte, nicht über die in ihnen modellierten Welten und Figuren.

So ist auch sein Kapitel zum »Weltschmerz in der Tragödie« von einem deutlichen Hang zur Autorpsychologisierung geprägt und darin folgerichtig von Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Sengle 1972: 350 die Rede. Wir sollten doch in Reaktion auf derartige Äußerungen meinen, dass die Literaturwissenschaft gut daran tut, sich mit ihrem eigenen Gegenstand zu beschäftigen, und sich nicht dazu verleiten lassen sollte, pseudopsychologische Diagnosen zu erstellen — zumal diese für ihren Gegenstand nur bedingt von Relevanz sind.

Dieser Einsicht folgend sind die Termini, um die es sich auch bei Sengle dreht, in der neueren Forschung durch die Arbeit an konkreten Texterscheinungen aufgearbeitet sowie auf ihre Variabilität und Komplexität hin geprüft worden vgl.

Zielführend an dieser Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? ist die Annahme, dass sich insgesamt nicht nur die Relationierung von Subjekt und Welt erahnen lässt, die für unseren Kontext wohl ausschlaggebend ist, sondern damit verbunden auch eine Negativ-Wertung in Form einer für das Subjekt unbefriedigenden Zustandswahrnehmung, die gleichfalls im Hinblick auf das Literatursystem nicht gänzlich unbegründet ist.

Entsprechende Effekte sind das Auftreten zunehmend neurotischer Figuren vgl. Wünsch 1997vornehmlich aber — und grundlegender — das Nachdenken über Zeit und Zeitlichkeit auf Figuren- und Textebene. Und genau dem wäre hier nachzugehen. Nun lässt sich angesichts der bisherigen Ergebnisse weiter annehmen, dass Darstellung und Wahrnehmung der Relationierung zwischen Personen-Konzept und Welt zeitreflexiv fundiert ist, und ferner, dass die mit dem Modell der Initiationsgeschichte verbundenen Vorstellungen literarisch nur noch provisorisch aufrechterhalten werden, wenn sie nicht gar gänzlich aufgegebenen werden und das Modell zur Normalisierung von Subjekten funktionalisiert und damit einem anderen Zweck zugeführt wird als noch in der Goethezeit.

Das Erzählmodell ist in eine instabile Lage geraten. Für Textwelten ist die korrelative Verschränkung von anthropologisch-individueller Ontogenese und Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Phylogenese bedeutsam, für Strukturen des discours die Integration lyrischer Textsegmente und die narrative Retrospektive.

Wenn sie die eigens modellierte Vergangenheit in der Zukunft zu reinstallieren anzeigen, verfahren sie zirkulär — sie betten dies aber ein in ein fortschreitendes, Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

und progressiv-modernisierendes Modell von Zeit: Dargestellte Welten unseres Textkorpus sind stets Veränderungen unter anderem sozialer, kultureller, wirtschaftlicher, technologischer Art unterworfen und präsupponieren geschichtlichen Fortschritt, denen sie sich nicht entziehen können, und machen demgegenüber bestimmte und markierte Teilmengen geltend, die vergangene Zustände wiederherzustellen oder zu bewahren anstreben.

Eine Grafschaft im fiktiven westfälischen Schwarzwald steht im Zeichen der Auflehnung der Bauern gegen ihre Obrigkeit.

Helene aufseiten der Grafschaft und August aufseiten der Untertanen versuchen zu vermitteln, besinnen sich auf ihre Liebe und werden im Eifer des Gefechts unwissentlich von Helenes Vater erschossen.

Am Ende vollzieht die dargestellte Welt einen moderat-liberalen Systemwechsel. Zwei Probleme sind ausschlaggebend: zum einen die zwecks Fortführung des gräflichen Geschlechts arrangierte Heirat Helenes mit einem Verwandten, die die Eltern ohne ein Mitspracherecht der Tochter ansetzen und die in Konflikt zu geraten droht mit ihrer Liebesbeziehung zu August; zum anderen die soziale Spannung zwischen dem Grafen und der Bevölkerung, die zunächst verbal-kommunikativ gelöst werden soll, dann jedoch schließlich in einen gewaltsamen Konflikt umschlägt, bevor der Graf letztlich doch Zugeständnisse gegenüber dem Landvolk macht.

Und dieser Brennpunkt der dargestellten Gegenwart erscheint semantisch übersättigt. August zu Helene: »Alles, was dieser großen Zeit nicht mehr gemäß ist, was sich ihr dennoch entgegenstemmt, ohne sich ihren mächtigen Umgestaltungen fügen zu wollen, das wird von ihr zermalmt und vernichtet.

Deutlich wird die Gegenwartsproblematik gemäß unserer Grundachse 1 — Heterogenität —, und zwar hinsichtlich unterschiedlicher und gegenläufiger gesellschaftlicher Tendenzen, die die Handlungsgegenwart bestimmen: die Tendenz nämlich zur Änderung gegebener sozialer Verhältnisse auf der einen und die Tendenz zur Restauration von Bestehendem auf der anderen Seite »es bleibt alles, wie es gewesen«; ebd.

Kurz: Die Gegenwartsrealität begreift die Zukunft eben nicht mehr — wie bis dahin geschehen — anstandslos als Fortsetzung der Vergangenheit. Doch nicht nur, dass sich die Textwelt durch die Anwesenheit beider Lager konstituiert; diese stehen zudem in massivem Konflikt zueinander. Sie streben nämlich in dem einen Fall an, das andere Teilsystem zu stürzen, in dem anderen, die Weltordnung zu konsolidieren. Die Welt, wie sie hier dargestellt wird, steht mit ihren »Bewegungen der Gegenwart« ebd. Der Text präsentiert eine doppelläufige Ereignisstruktur: Erzählt werden die Geschichte eines Liebespaares und die Geschichte einer revolutionären Auflehnung.

Auf beiden Ebenen verschlüsselt der Text weitere zeitreflexive Informationen: Zum einen wird eine Revolution jüngster Vergangenheit — die Februarrevolution — in Frankreich erwähnt, die bereits einen Systemwechsel von einer aristokratischen Monarchie hin zu einer republikanischen Staatsform zur Folge hatte.

Das selegierte Geschehen steht demzufolge stellvertretend für einen tiefgreifenden Wandel der dargestellten Welt insgesamt; es ist nicht als singulär-partikulares und alles in allem folgenloses Geschehen zu werten.

Ferner übertreten die Volksvertreter mit Ausbruch der Revolution nicht nur topografisch die Grenze zu ihnen unerlaubten Räumen, sie tun dies zudem gewaltsam und verbrennen unter anderem »alte Gemälde« ebd. Am Ende bleibt der Zustand der dargestellten Welt ambig: Einerseits vermag es die Hegemonialklasse, sich zunächst zu behaupten »als Militär gegen die Bauern anrückte, zerstreuten sich diese bald«; ebd. Auf Individualebene sind in zeitreflexiver Hinsicht zum anderen drei Aspekte bemerkenswert: die schon über das erzählte Geschehen in die Vergangenheit hinausreichende Verbindung zwischen den Hauptfiguren, das verbindende Artefakt einer goldenen Uhr und schließlich die Tötung der beiden Protagonisten.

In der Uhr findet sich die Vergegenständlichung von Zeit, sie kann als konkretes Indiz auf die Dominantsetzung des Zeitthemas gelesen werden, insbesondere auch in der Hinsicht, dass die Hauptfiguren mit einem Zeitmesser korreliert werden: Die beiden Figuren werden in zeitreflexiver Hinsicht explizit relevant gesetzt.

Resultat auch in dieser Hinsicht ist Zukunftsoffenheit. Es deutet sich bereits mit diesen Beobachtungen an: Der Text ist alles andere als einfach Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?.

Er ist zwar ebenfalls als Narration einer Initiationsgeschichte zu lesen und in dieser Hinsicht nicht uninteressant, da die Entwicklung der Heldin von einer imaginativ-fiktiven Konzeptionierung eines Wandels hin zur Realisierung und aktiven Teilnahme am realiter vollzogenen Wandel ebenfalls das kunstreflexive Potenzial von Die Lehnspflichtigen impliziert. Die Novelle weist aber darüber hinaus. Sie manifestieren sich nicht als temporale Phänomene im engeren Sinne — zum Beispiel in Form von Teilwelten, in denen Zeit unterschiedlich verläuft —, sondern in denkgeschichtlichen, sozialen, kulturellen und anderen Problemstellungen, die textintern akut sind, auf die Vergangenheit zurückweisen und für die Zukunft unterschiedliche Modelle vorsehen.

Sie weisen auf Textregulationen hin, die die Konsistenz der dargestellten Welt zum Ziel haben, folglich also der Aufhebung der Leitdifferenz dienen. Im gegebenen Fall vermag es die progressive Tendenz, sich im Endzustand durchzusetzen, da die regressive Tendenz in Person des Grafen zwar dominant ist, im Kontext der zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten aber die falschen wählt.

Zukunftsoffenheit und -negativierung können auch beschrieben werden als gekapptes Metaereignis — als eine nur angedeutete, nur resignative Umgestaltung der dargestellten Welt. Er tut dies, indem er Zustände der Textwelt aufbaut, die offensichtlich das Subjekt bedrohen oder es in seinem Handeln verunsichern und lebensbedrohliche oder mindestens einschneidende Konsequenzen haben — das Subjekt findet sich in seiner soziokulturellen Umgebung zunehmend nicht mehr zurecht.

Ein durch einen Text modelliertes Universum konstituiert sich 1 durch implizit präsupponierte oder explizit thematisierte Einheiten räumlicher, zeitlicher und kausaler beziehungsweise konsekutiver Relationen, ist 2 von Figuren und weiteren Entitäten bewohnt und umfasst den Rahmen eines Geschehens, liegt 3 notwendigerweise im und mit dem Text unvollständig vor und ist 4 durch ideologische Diskursformationen reguliert, insofern es über eigene Systeme von Normen und Werten verfügt, die das Denken, Handeln, Fühlen und Kommunizieren regulieren.

Nun soll es im Folgenden nicht darum gehen, herauszustellen, dass Texte temporale Teilwelten sowie Metatilgungen und Metaereignisse darstellen, sondern darum, ihre konkrete Verfasstheit und Implikationen zu erfassen — denn erst hierüber lassen sich Aussagen bezüglich unserer Leitthese generieren. Betrachtet man die Welt dieses Textes, so ist die Funktionalität ihrer topografischen und temporalsemantischen Ausprägung sinnfällig.

Den Makrokosmos bildet, wie gesagt, die über das Textende hinausreichende Gegenüberstellung von Nord- und Süddeutschland, den Mikrokosmos und Schauplatz des eigentlichen Geschehens formieren die Baden-Württembergischen Burgen von Willi und Thierberg, deren semantische Zuschreibungen wir bereits dargelegt haben vgl. Der Text macht kein Metaereignis geltend, nimmt keine Verschiebung der dargestellten Ordnung vor, er präsentiert hingegen einen kaschiert-harmonischen Endzustand und erzählt eine im goethezeitlichen Sinne dysfunktionale Initiationsgeschichte.

Weiterführend bedeutsam ist nun — und hierin ähnelt Hauffs Text zunächst dem von Otto — die Verstrickung des Liebespaares in politisch motivierte Ideologiekonflikte, vor deren Hintergrund sich die eigentliche Geschichte abspielt und von denen die Existenz der Figuren abhängt. Demgegenüber stellen aber wiederum Texte wie Ottos Die Lehnspflichtigen die Polysemie des Endzustands sehr viel deutlicher aus, als dies in subtiler Form Hauff tut.

Hier ersetzt eine Neuordnung die alte, das Liebespaar scheitert und wird durch Tod getilgt — vorherrschend ist ein nichtharmonischer Endzustand. Wie sind literarische Welten in temporaler und temporalsemantischer Hinsicht aufgebaut?

Und wie verhalten sich dazu statische Strukturen der Leitdifferenz? Welche Verschiebungen innerhalb von Weltgefügen lassen sich ausmachen und wie finden diese statt? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Dynamisierung der diegetischen Grundordnung? Hier ergeben sich Aussagemöglichkeiten sowohl über das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit als auch über das Zukunftssegment.

Eingeräumt wird damit die Potenzialität mehrerer Zukunftsoptionen, der Erwartungshorizont wird erweitert, mehrere Zukünfte sind denkbar. Zugleich überlagert aber das Literatursystem die Semantiken der Einzelphasen im Gegenwartssegment: Die Vergangenheit ist präsent, wird jedoch als Belastung wahrgenommen und als ebensolche gestaltet. Die Folge ist eine Kluft zwischen Zukunftskonzept und Zukunftsmodell. So eben im Fall von Die Lehnspflichtigen. Anzunehmen ist hier ein System temporaler Teilwelten, nicht allein bestehend aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch hinsichtlich des Funktionierens der dargestellten Welt als Kultur zweier Ordnungen A und B.

Ordnung A ist aristokratisch reguliert und nimmt die soziale Separation zwischen Ober- und Unterschicht vor, wobei wiederum der Oberschicht justiziable Befugnisse obliegen und sie ökonomisch von der Unterschicht profitiert. Die Festlegung dieser Ordnung reicht weit in die Vergangenheit zurück. Ordnung B ergibt sich am Ende des Textes, wird lediglich angedeutet und in ihrer Resultativität nicht näher beleuchtet.

Allerdings findet mit ihr eine Verschiebung der Verhältnisse statt: Der Adel gibt die ihm in der Vergangenheit zuerkannten Privilegien auf und gesteht den Bauern und der Dorfbevölkerung gewisse Freiheiten und Unabhängigkeit zu. Das Modell temporaler Teilwelten, das der Text entwirft, könnte wie folgt visualisiert werden: Auf den ersten Blick ist dieses Modell denkbar einfach in einer dreiteiligen Form aufgebaut. Wir wollen hierbei zum Zwecke der Differenzierung von anderen zeitreflexiven Modellierungsformen von einem einfachen Zeitmodell sprechen siehe Abb.

Dieses ist in seiner theoretischen Erscheinung allein dadurch markiert und als Ausprägung der Zwischenphase bedeutsam, als es die oben genannten, allgemeinen Merkmale erzählter Welten aufweist und vorzugsweise dreiteilig konstituiert ist. Dieses Ereignis scheint Novitäts- und Sensationscharakter aufzuweisen, da — so macht der Text deutlich — sogar die ansonsten eher unbehelligte Helene davon weiß. Mehr noch: Es hat fundamentale Folgen für den vom Text selegierten Weltausschnitt und wirkt auf das kulturelle Selbstbewusstsein des Kollektivs ein.

Ferner, so hatten wir schon angedeutet, ist es die Errettung Helenes durch August, die beide Figuren zusammenführt. Die goldene Uhr ist als Signifikant dieser Verbindung zu deuten, sie wird zum »Pfande des Bundes« ebd. Beides liegt von der diegetischen Gegenwart aus besehen in der Vergangenheit, strahlt aber in die Gegenwart hinein, insofern es für die Ereignisse in Segment 2 maßgeblichen Einfluss hat.

An beiden Geschehensmomenten wird die Beendigung eines Zeitabschnitts markiert — eines geschichtlichen Abschnitts Systemwechsel und eines Lebensabschnitts Adoleszenz. Die konkrete Gestaltung des einfachen Zeitmodells in Die Lehnspflichtigen wäre dementsprechend folgendermaßen aufzufächern vgl.

Angesichts dieser Überführungen kann der Verlauf der Geschichte dieser Figuren als gescheitert angesehen werden. Da sie aber vom Text als positive Helden markiert werden, ist ihre Tilgung am Ende zudem einem nicht wünschenswerten Endzustand der dargestellten Welt äquivalent. Der Ordnungswechsel von A nach B erscheint daher als nur eingeschränkt angestrebter. Einerseits begrüßt der Text die Reformierung des antiquierten Sozialreglements, andererseits erfolgt sie unter Verzicht auf individuelle Zukunftsträger allenfalls resignativ, nicht aber als gefeierter Systemwechsel.

Man könnte auch sagen: Eine wünschenswerte Ordnung wird am Ende zwar umgesetzt, aber nur zum Preis der Aufgabe der Helden. Dies unterstreicht von dieser Warte aus zum einen die Verbindlichkeit dieser Regularität, es macht aber zum anderen auch auf die Notwendigkeit einer Öffnung der Betrachtungsweise auf das Textkorpus insgesamt aufmerksam. Belassen wir es vorerst bei diesen vorläufigen Beobachtungen an unserem Beispiel und wenden uns weiteren Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

des Aufbaus temporaler Teilwelten zu. Einphasige Vergangenheitssegmente finden sich neben unserem Beispiel unter anderem in Der tote Gast, Das Unvermeidliche, Der Brudermord, Geschwisterliebe, Zu spät! Mögen auch diese Texte im Einzelfall diskutabel sein, so müssen sie doch deutlich von Werken unterschieden werden wie Madelon oder Die Romantiker von Paris, Die schwarze Spinne, Die Narrenburg, Brigitta, Die Judenbuche und Der Hochwald, die sehr viel umfassendere Anordnungen schaffen und damit in Abgrenzungen zu ersteren komplexe temporale Teilwelten entwerfen.

Wir wollen annehmen, dass beide Modellierungsformen zwar phänomenologisch zu unterscheiden sind, sie aber in ihrer Funktionalisierung zur Reflexion von Zeit auf Ähnliches hinauslaufen, nämlich darauf, die bereits vielfach erwähnte Konfrontation der Gegenwart mit der Vergangenheit zur Geltung zu bringen.

Lediglich die Semiotisierung auf der Textoberfläche und die Semantisierung auf einem niedrigen Abstraktionsniveau sind unterschiedlich. Denn Texte dieser Art präsupponieren nicht nur eine der erzählten Gegenwart vorausgehende Vergangenheit, sondern stellen sie direkt oder indirekt auf der Textoberfläche aus und machen sie damit explizit. Teilweise geht die Konstitution des Vergangenheitssegments — wie auch die Auseinandersetzung der Figuren mit ihr — gar so weit, dass die Gegenwart hinsichtlich der Geschehensdichte auf ein Minimum reduziert wird: In Die Mappe meines Urgroßvaters etwa finden ein Umbau des Hauses und ein Umzug der Figuren statt.

Viel entscheidender dagegen sind offenbar die Rezeption der Mappe und damit die Geschichte des Urgroßvaters, nicht aber die eigene. Zu nennen wären auch Gotthelfs Die schwarze Spinne und Stifters Die Narrenburg.

Der Unterschied zwischen beiden Modellen liegt neben dem pragmatisch-darstellerischen und dem diegetisch-ontologischen Aspekt ebenfalls in der Semantisierung von Vergangenheit.

Bevor wir im Verlauf des Kapitels weitere Texte für Teilphänomene dieses Bereichs einbinden, möchten wir als prominentes und recht anschauliches Gegenbeispiel zu Ottos Text Stifters Der Hochwald anführen und zeigen, inwiefern Semiotisierung und Semantisierung anders verlaufen als im ersten Fall. Zentrales Thema ist bekanntlich Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? hier ein zweifaches: die erste Liebe und damit der Übergang vom Jugendalter zum Erwachsenenalter einerseits und die Bedrohung der dargestellten Kultur durch den Krieg mit einer anderen, fremden Kultur andererseits.

Darüber baut der Text zwei Problemfelder auf, die er miteinander verknüpft und auffächert. Erstens das Problem der Ablösung von der Herkunftsfamilie — bereits bekannt als Modifikationsaspekt der Initiationsgeschichte. Nun allerdings wird ein möglicher Entwicklungsgang — wie ihn das Literatursystem der Goethezeit noch als notwendig erachtet hatte — gänzlich unterdrückt und allenfalls als verflossene Option angedacht.

Folglich ist das Problem hier aus einem Blickwinkel zu untersuchen, der sich im vorherigen Kapitel schon angedeutet hatte, und zwar in Hinsicht auf seine Verhandlung im Rahmen der dargestellten Welt insgesamt.

Zweitens nimmt der Text eine Parallelisierung von individueller und gesellschaftlicher Geschichte vor, indem er den erneuten Ausbruch von bereits vergangenen Leidenschaften bei einer der Protagonistinnen in Entsprechung zur Präsenz des Kriegsgeschehens im Handlungsraum setzt.

Das erstgenannte Problem basiert auf der Opposition aus geschwisterlicher Liebe, die als erotisch-homosexuelle Liebe umgedeutet wird, und außerfamiliärer, heterosexueller Liebe. Das zweite Problem gibt Aufschluss Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

beides: die Paradoxie der dargestellten Anthropologie und die Unsicherheit der dargestellten Gegenwartsepoche. Bezeichnenderweise bettet der Text dies nun in ein komplexes temporales Teilweltenmodell ein und koppelt damit anthropologische Problemstellungen mit Zeitreflexion.

Eine erste Komponente dieses Modells ergibt sich aus einer Betrachtung der Protagonistin Clarissa. Vom Erzähler nicht selegiert beziehungsweise im Figurengespräch nur teilweise rekonstruiertaber dennoch präsupponiert sind Kindheit und — vor allem — eine bei Erzähleinsatz verflossene Liebesbeziehung zwischen Clarissa und Ronald.

Im letzten Kapitel »Waldruine« wird Zeit stark gerafft; die Schwestern altern von Jungfrauen zu achtzigjährigen Greisinnen und sterben. Daraus wiederum folgt eine mit Blick auf die Figur Clarissa dreiphasige Zeiteinteilung: nichtselektierte Vergangenheit, erzählte Gegenwart und geraffte Zukunft. Überlagert wird diese Teilkomponente allerdings von einem übergeordneten Zeitmodell.

Der Text begnügt sich nicht damit, die Geschichte des Geschwisterpaares zu erzählen, sondern situiert diese in einer diachronen Ordnung, die betont vergangene und zukünftige Zustände der dargestellten Welt einbezieht. Andererseits offenbart sich eine dem erzählten Geschehen vorgelagerte Vergangenheit in den Erzählungen Gregors am Waldsee, die mehrere hundert Jahre bis in die Zeit Karl des Großen zurückreicht und durch Heidentum und mystisch-makabre Zauberei geprägt ist Abb.

Die Ordnungen A und B lassen sich aus den Binnenerzählungen des alten Gregor rekonstruieren: Zum einen die Zeit eines heidnischen Königs und des verzauberten Sees, zum anderen die Jugend Gregors. Ordnung C, die an sich einer Unordnung oder einem Umbruch äquivalent ist, formiert das Hauptgeschehen, Ordnung D entspricht zum einen der Zeit des Rahmenerzählers, die — wie auch die vorherigen Segmente — durch eine Retrospektive in die Vergangenheit geprägt ist, zum anderen der Zukunft der dargestellten Welt.

Es lassen sich drei Signifikanzen benennen: Erstens überwiegt rein quantitativ der Anteil von Elementen, die sich der Vergangenheit zuordnen 1a, b, c ; so ist auch das von der Erzählung zentrierte Hauptgeschehen temporal im Vergangenheitssegment situiert 1c. Und nicht nur das: Auch orientiert sich ein Großteil der Figuren an der Vergangenheit. Gregor, indem er Kulturgeschichtliches nachliefert, Clarissa und Ronald auf der Individualebene 2die ihre Liebe zu erneuern anstreben, der Rahmenerzähler auf Individualebene 1 durch seine narrative Rekonstruktion des vergangenen Geschehens.

Zweitens aber sind Teile der Vergangenheit und die Gegenwart partiell mit Zukunftssemantiken versehen; zum einen, wenn die Auswirkungen des Geschehens für die Schwestern in stark geraffter Form präsentiert werden und damit den zeitlichen Fortlauf nach den einschneidenden Ereignissen darlegen, des Weiteren insofern, als die Erzählgegenwart einen topografischen Raum in einem gegenüber dem erzählten Geschehen zukünftigen Zustand erfasst.

Leitet dies einerseits über zum Kapitel zur Selbstreferenzialität, so ist an dieser Stelle anderseits ein Rückkopplungseffekt auffällig, der sich im Verhältnis von Figur und Diegese niederschlägt: Das Problem der Vorrangstellung des Systems gegenüber den Handlungsträgern.

Auch hierzu zwei Anmerkungen: Figuren ist es erstens offensichtlich kaum oder gar nicht möglich, ihre Welt zu gestalten, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen auszurichten, geschweige denn, bestehende Systeme zu reformieren. Im Gegenteil sind sie äußeren Umständen ausgesetzt, die ihr Leben beeinflussen, mit subjektexternen — teils sogar deutlich als ich-dyston markierten — Normen und Werten konfrontiert, denen sie sich zu beugen haben, und Bedingungen unterworfen, die ihr Leben erschweren.

Für das Personen-Konzept hat das den Einbezug neurotischer Grundzüge der Figur zur Folge: psychische Störungen unterschiedlicher Erscheinungsform, die infolge bestimmter Erfahrungen mit tiefgreifend psychisch-mentaler Belastung zustande kommen und durch andauernde Fehlgewohnheiten ausgebildet werden, den Betroffenen zwar bekannt sein können, aber unverständlich bleiben, und sich symbolisch ausdrücken vgl.

Für den Umgang mit literarischen Welten bedeutet dieses Missverhältnis die Gefahr eines Kollapses — teilweise in Form von Metaereignissen, teilweise auch durch die angestrebte, teils radikale Auflösung von Inkonsistenzen durch Tilgung von Teilräumen. Mit Blick auf Ottos Text gesprochen: Rein Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? betrachtet ist das Vorhandensein verschiedener Sozialgruppen und Ideologien nicht notwendigerweise auch problembehaftet.

Erforderlich zur potenziell erfolgreichen Zukunftsgestaltung, so eine signifikante Proposition, die benannt werden konnte, ist die Auseinandersetzung mit verschiedenartigen Problemen der Vergangenheit unerlässlich. Doch diese Regularität, so lässt sich hier nun fortführen, gilt wie für Initianden wie für ganze Weltsysteme.

Immer wieder spielt die Vergangenheit eine Rolle für das Geschehen und die narrative Präsentation dieses Geschehens; immer wieder ist das Geschehen deutlich an jene gebunden und kann sich nicht losgelöst von ihr entwickeln. Oder die gegenwärtige Realität wird als unstet wahrgenommen und skeptisch betrachtet, da sich in ihr Maßgaben des Denkens und Handelns derart verändert haben, dass Figuren nicht mehr zurechtkommen.

So ließe sich die Aktivierung des Zeiterlebens, die wir als optionale Textstrategie zur Markierung von Zeitreflexion benannt hatten, nicht allein bei Initianden, sondern bei allen möglichen Figuren der dargestellten Welt konstatieren.

Andere Figuren entwickeln Deutungsmuster Mundus oder debattieren über regressive und progressive Prinzipien politischen Handelns Zodiacus. Dann steht einer positiven Zukunft nichts im Wege. Oder sie trauern von vornherein vergangenen Zuständen nach und versuchen diese wiederherzustellen, ohne sich über in der Regel fatale Konsequenzen, die daraus entstehen, im Klaren zu sein.

Von ihnen sind Normen — zum Beispiel die Norm des unbedingten Erhalts der Familie — habitualisiert, die sich auf zwischenmenschlicher Ebene als schädigend herausstellen. Die Aussicht einer zufriedenstellenden und erwünschten Zukunft solcher Figuren kollidiert in dem einen wie in dem anderen Fall mit der Vorrangstellung des Systems gegenüber seinen Handlungsträgern, die sich in der Regel ein- und unterzuordnen haben.

Beispiele dafür hatten wir bereits angeführt: Man denke an Stifters Der Hagestolz und Der Hochwald, aber auch an Laubes Das Glück oder Hauffs Das Bild des Kaisers sowie an Das Schloß Dürande und Geschwisterliebe.

Und da es sich um temporalsemantische Strukturen handelt, die dieses Problem zur Geltung bringen, sollte es ebenfalls Thema unserer Auseinandersetzung sein. Angesichts der dargelegten Beobachtungen wäre ein weiteres zentrales Merkmal der Zwischenphase abzuleiten und explizit zu machen.

Alle diese propositionalen hier kursiv hervorgehobenen Teilmengen im Verbund sind es, die neben dem postromantischen Lebenslaufmodell eine zweite reflexive Zeitstruktur generieren, auf deren Explikation es in diesem Kapitel ankommt.

Im gegebenen Beispiel Die Lehnspflichtigen übernehmen diese Funktionen der Adel in seinem konsolidierenden und das Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? mit seinem revolutionären Handeln. Andere Institutionen erscheinen hingegen nicht ausgeprägt und tragfähig genug, um erstere gänzlich abzulösen. In Ottos Text wird der Adel zwar zur Lockerung des sozialen Regelsystems bewegt, ohne allerdings, dass er seine Position gänzlich einbüßen müsste.

Im Gegenteil: Er Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? über das Textende Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? über die eigentliche Staatsgewalt und ist darin eben nicht abgelöst. Verschiedene Varianten der Dichotomie Regression vs. Sie formieren Konglomerate aus figürlichen und räumlichen Temporalsemantiken verschiedener Klassifikation, wie sie im Kapitel zum modifizierten Initiationsmodell genannt worden sind.

Eine derartige Konstellation wird beispielsweise in Geschwisterliebe, Das Schloß Dürande, Addrich im Moos als höchstproblematisch verhandelt. Auffallend oft finden sich Verknüpfungen von politischer und anthropologischer Dimension, von politischer und ästhetisch-kunstreflexiver oder auch von ökonomischer und anthropologischer Dimension.

Wir wollen dies anhand unserer Textkorpora überblickshaft erläutern. Wie bereits in Das Bild des Kaisers und Der Hochwald illustriert — teilphasenübergreifend zu beobachten unter anderem auch in Addrich im Moos, Madelon oder Die Romantiker in Paris, Der Familienschild und Imagina Unruh —, handelt es sich im weitesten Sinne um Aushandlungen politischer Systemwechsel, die teils mit möglichen Umstellungen des Sozialsystems einhergehen können.

Teilweise sind diese angelehnt an die politische Ereignisgeschichte der außerliterarischen Wirklichkeit — wie Ottos Text deutlich macht und zusätzlich durch den Untertitel untermauert —, an anderer Stelle sind sie in die Vergangenheit verlagert zum Beispiel: Die Judenbuche und greifen gar historische Ereignisse auf wie den Dreißigjährigen Krieg in Der Hochwald.

In allen diesen Fällen ist Welt Verhandlungsgegenstand in dem Sinne, als politische Kräfte gegeneinander wirken, dieses Gegeneinanderwirken sich oftmals in gewaltsamen Konflikten entlädt und die Weltordnung dadurch auf den Prüfstand stellt — und über ihre Zukunft entscheidet.

Er repräsentiert das Bestreben eines eminenten Teilsystems der dargestellten Welt, einen Vergangenheitsraum zu konsolidieren, der bis in die Gegenwart hinein existiert und über die Gegenwart hinaus bis in die Zukunft hinein existieren soll, jedoch nunmehr bedroht ist. Vertreter des Gegenraums wiederum weisen das wesentliche temporale Merkmal der politisch-sozialen Progressivität auf, das abgleitet wird aus der Erkenntnis eines sozialen Unrechts.

Eine Dynamik entsteht folglich einerseits durch Approximation und Transgression einer politisch motivierten, sozialen Grenze, andererseits durch die Verhandlung von Optionen möglicher Welten in der Zukunft, deren Denkbarkeit durch die progressive Tendenz überhaupt erst eingeräumt werden: Es geht um eine soziopolitisch fundierte Vergangenheit, die in die Gegenwart hineinragt, beklagt und behoben werden soll zugunsten einer aus einer Teilperspektive des Textes besseren Gestaltung der Gesellschaftsordnung in der Zukunft.

Vergleichbar damit ist Das Bild des Kaisers. Allerdings ist das Raster der politischen Positionen hier differenzierter, ebenso wie die Grundopposition auf mehrere Instanzen verteilt ist: Sogar Binnenräume der jeweiligen Relata geraten zu potenziellen Austragungsorten siehe Abb.

Aber auch hier werden Aktion Robert und Reaktion Thierberg politisch verankert, folglich Progression Robert und Regression Thierberg in einer politischen Dimension aufgerufen, gleichwohl sich die hergestellte Konsistenz des Teilraums Schwabenland in der Annäherung der beiden Extrempositionen natürlich vornehmlich in der Paarbildung von Anna und Robert niederschlägt. Die politische Dimension kann folglich individuell oder institutionell konstituiert sein, angebunden ist sie stets an politische Ideologien oder mentale Konzepte politischer Systemordnungen.

In Mundts Moderne Lebenswirren beispielsweise finden sich oppositionell angeordnete Korrelationen von Politik an ein bestimmtes Konzept von Zeit: Ich verkenne eben so wenig die Grundwahrheiten, die der Absolutismus in sich hat, als ich die ewigen Grundwahrheiten verkennen möchte und je verkannt habe, an welchen der Liberalismus in dieser Zeit seine Berechtigung hat.

Man thut Unrecht, beide abzuweisen; man muß sie gegen einander auszugleichen verstehen. Und diese Kunst der Ausgleichung ist die höchste Politik, die enthält zugleich die einzige Wahrheit! Ist denn nicht diese Gegenwart dieser Herzpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, in dem sich beide mit ihren Strahlen berühren, zu dem sie hinströmen, von dem sie ausströmen?

Die Gegenwart ist das segelfertige Schiff, das zwischen den beiden, gleich mächtigen Strömen der Vergangenheit und Zukunft hinsteuert. Auch hier bedroht der gewaltsam ausgetragene, politisch-soziale Systemwechsel das Figurenpersonal auf Individualebene. Und auch hier wird dieser Wechsel vollzogen — allerdings zuungunsten der Individuen.

Die anthropologische Dimension ist in unserem Zusammenhang also deshalb zentral, da sie alle anderen Varianten mehr oder weniger prägend überdeckt. Ex post wird damit die Botschaft vermittelt, dass mit der heterosexuellen Verbindung Nachkommenschaft anzunehmen gewesen wäre, die im tatsächlichen Zukunftsmodell indessen bezeichnenderweise fehlt.

Jahrhunderts anzutreffen sind oder wie sie später im Literatursystem des Realismus auftauchen. Das Spektrum dargestellter Gesellschaftssysteme ist vielmehr ein breit gefächertes und reicht von Unterschichten und Erwerbslosen bis hin zum Adel. Andererseits gewinnen wirtschaftliche Belange — mit Blick auf unsere Textkorpora zunehmend in den 1830er- und 1840er-Jahren — an Bedeutung für dargestellte Welten insgesamt.

Die Dimension ist auf Engste verzahnt mit gesellschaftlichen und politischen Teilbereichen, auf Basis derer sie in Texten überhaupt erst ersichtlich wird. Eines der zentralen Themen in Die Epigonen ist der Konflikt zwischen Adel und Bürgertum, genauer: zwischen dem Herzog und Hermanns Oheim, die Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Vorgehensweisen agieren.

Während Ersterer feudalistisch aufgestellt ist, steht das Handeln des anderen im Zeichen der beginnenden Industriellen Revolution. Mit der Tilgung beider Seiten und mit dem Endzustand des Normalsubjekts Hermann tendiert der Text schließlich zu einem Mittelweg. Gleich zu Beginn wird Zieh- Vater Hartberg als »reicher Fabrikant« ebd. Nach Abreise Georgs geraten die Geschäfte in eine wirtschaftliche Krise und unterliegen hohen Verlusten: Die »Geschäfte unseres Hauses sind in der letzten Zeit sehr verwickelt worden« ebd.

In Verhandlung des um das Vermögen Hartbergs konkurrierenden Adelshauses Tamnau wird Georg mitgeteilt: »Die Zeiten sind zu böse, um auf einen guten Verkauf der Gebäude zu rechnen« ebd.

Mutter und Tochter: häufiger Konflikt im Erwachsenenalter

In wirtschaftlicher Hinsicht unterliegt die dargestellte Welt also starken Schwankungen, die eine Dominanz des Geldthemas nach sich ziehen: bezüglich des wirtschaftlichen Standpunktes, mit existenzieller Bedeutung vgl.

Wenn mit der Industriellen Revolution eine Neuerung auf globaler Ebene hingenommen werden muss, so liegt das Bestreben des Adels auf der Konsolidierung zumindest der hierarchisch strukturierten Sozialordnung, die aufgrund eines Vermögensdefizits und des drohenden Reputationsverlustes zwischenzeitlich auf der Kippe steht. Das Bürgertum seinerseits ist nicht nur sozial ausdifferenziert arbeitende Stände, Kaufleute, Gewerbetreibende, teilweise Bedürftige; vgl.

Daher ist es als Spezialfall der regressiv-progressiven Koppelung zu interpretieren und wird im nachfolgenden Kapitel gesondert betrachtet. Kernzeitraum derart entromantisierend-verfahrender Texte sind indessen die 1830er-Jahre zum Beispiel mit Cordelia; vgl.

Drei Beispiele: Die Entzauberung von Welt in Der tote Gast basiert auf der bewusst-intendierten und funktionalisierten Fiktionalisierung von Gegebenem. Der Text nimmt so eine Trennung vor zwischen einer aus einer Teilperspektive mit starkem Vergangenheitsbezug als fantastisch wahrgenommenen Welt und ihrer Umdeutung durch eine andere Teilperspektive zum Zweck der Zukunfts neugestaltung.

Mit Hilfe dieser Figuren werden poetologische Standpunkte verhandelt, in Kunstwerken verschiedenster Art werden immer wieder Probleme der Realität verarbeitet. Die zwischenzeitlich als wünschenswert wahrgenommene Verbindung zwischen Theobald und Cordelia wird jäh unterbunden durch den leidenschaftlich-affektiv handelnden, unberechenbaren Wilhelm, der Cordelia tötet und sich im Wahn selbst richtet.

Friederich stirbt aus Gram, Theobald und Christoph fristen forthin ein resigniertes Dasein. Erzeugt wird auch hier ein selbstreflexiv-metatextuelles Moment: Das Literatursystem trachtet nach einer zukunftsgewandten Neukonzeption, die es allerdings bedingt durch die rückwärtsgewandte Belastung durch die Goethezeit nicht zu realisieren imstande ist. Mit ihrer fundamental retrospektiven Denk- und Handlungsart wird sie vonseiten der Gesellschaftsvertreter mit gegenwärtigen, politischen Unruhen in Verbindung gebracht und bleibt meistenteils unverstanden.

Eine statistisch belegbare Relevanz ergibt sich allein aus dem Grund, da sie relativ häufig aufgerufen werden. Doch das Literatursystem betreibt ebenso in qualitativer Hinsicht einen enorm hohen Aufwand, sie nicht nur zu installieren, sondern zugleich auch textkonstitutiv einzusetzen. Die genannten Varianten weisen gemeinsame Merkmale auf und formieren damit epochenspezifische Kennzeichen.

Grundsätzlich ließe sich das folgende Schema aufstellen Abb. Segment 1 wird gemäß einfachem oder komplexem Modell einphasig oder mehrphasig semiotisiert. Verbunden wird diese Anlage zusätzlich mit der Installation der semantischen Räume D und E, wobei D regressive Teilstrukturen versammelt und E progressive und beide binnendifferente Teilräume des semantischen Raums B darstellen.

D und E laufen dem Gesamtmodell bestehend aus A, B und C insofern zuwider, als sie durch die Ausrichtungen an der Vergangenheit und Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Zukunft die Gegenwart mit regressiven beziehungsweise progressiven Merkmalen anreichern, und zwar — dies ist als Epochenspezifikum zu werten — in hochgradig konfligierender Anordnung.

In Texten mit einer solchen Struktur obliegt es den Protagonisten nicht allein, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Vielmehr stellt diese Konfrontation wohl nur eine Teiloperation eines größeren zeitreflexiven Zusammenhangs dar, in dessen Zuge Werte und Normen, Institutionen, künstlerische und Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

Artefakte, zwischenmenschliche Bindungen und Verpflichtungen wie sie tradiert, kulturell geformt und habitualisiert vorliegen, auf ihre Gültigkeit und Tragfähigkeit hin geprüft und für das zukünftige Dasein und Zusammenleben gegebenenfalls zusätzlich einer Revision unterzogen werden. Das Literatursystem geht in seinen Phasen unterschiedlich mit dieser Dynamisierungsanlage um.

Textkorpus A zeichnet sich durch eine Absenz des Komplexes aus. Ausnahmen bilden freilich die Texte Heinrich Zschokkes — Addrich im Moos etwa, dessen hauptsächliche Problemverhandlung sich um revolutionäre Volksaufstände Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? schweizerischen Dörflern gegen Städter dreht. Tatsächlich offenbart sich Korpus B — und damit diejenige Phase, der wir eine Krise goethezeitlichen Erzählens diagnostiziert haben — als Kaleidoskop unterschiedlicher Realisierungsformen, auf der alle Dimensionen gleichrangig nebeneinander versammelt sind.

Dies gelingt teilweise Das Bild des Kaisers — aber nicht immer Jud Süß — bei Hauff und eingeschränkt bei Mundt Moderne Lebenswirren entgegen Madelon sowie bei Tieck Waldeinsamkeitbei Laube Das Glück und Mügge Zu spät! In Korpus C wiederum dominiert die anthropologische Dimension, die zwar teilweise mit anderen der genannten Dimensionen verkoppelt ist, jene aber gegenüber Korpus B deutlich in den Hintergrund drängt.

Gleiches gilt für die Radikalisierung des Endzustands, der nun in der Regel durch scheinbare Harmonie, in dem Fall durch Relativierung gekennzeichnet wird. Repräsentativ steht dafür das Werk Stifters, dessen Der Hagestolz, Die Narrenburg und Der Hochwald bereits Erwähnung fanden. Gleiches gilt für Bergkristall und Die Mappe meines Urgroßvaters.

In Bergkristall sind es wirtschaftliche Belange, durch die sich die entgegenstehenden Dörfer unterscheiden. Die Versöhnung wird aber nicht etwa durch eine Zusammenlegung ertragsbringender Ressourcen erreicht, sondern durch die Rettung verirrter Kinder, die die Nachkommenschaft eines grenzgängerischen Paares repräsentieren.

Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? titelgebende Mappe in der anderen Erzählung Stifters wiederum macht ebenfalls auf den zentralen Kulminationspunkt aufmerksam, ist es doch die phylogenetische Entwicklung der Familie im Kleinen und der Gesellschaft im Großen, die dem Bedürfnis des Rahmenerzählers nach Retrospektive und Überlieferung entgegensteht, und deren latente Konfrontation zur Entfremdung innerhalb der Familie führt vgl.

Auch andere Texte zeigen diese Tendenz auf, etwa Dronkes Kriminalnovelle Das Unvermeidliche Anthropologie und JurisprudenzSchückings und Drostes Der Familienschild Anthropologie und SozialgeschichteTiecks Waldeinsamkeit Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? und ÄsthetikHebbels Die Kuh Anthropologie und Ökonomie. Die Ausnahme hier bildet Ottos Die Lehnspflichtigen, der zwar idealtypisch für die Ausformung des Komplexes steht, zugleich aber an Texte der 30er-Jahre erinnert und im Kontext der 40er-Jahre etwas aus dem Rahmen fällt.

Und dieser Zusammenhang ist wichtig: Uns geht es nicht um die Verarbeitung außerliterarischer Diskurse hervorgebracht beispielsweise durch die politische Ereignisgeschichteebenso wenig, wie um das Nachspüren philosophischer Theoreme etwa derjenigen Hegels —, sondern um einen Sonderfall der Zeitsemiose. Neben der Frage also, in welchen Konkretisationen die Semantiken der Regression und Progression auftreten, ist der Frage nach ihrer Korrelation mit Konzepten und der Modellierung von Zeit nachzugehen.

Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

Unberührt bleibt dieser Befund von der Tatsache, dass teleologisch-lineare und zyklisch-zirkuläre Zeitkonzeptionen in geschichtsphilosophischen Zusammenhängen bereits im 18. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Modellierungsform der Verzahnung und gegenseitigen Beeinflussung von zyklischen und linearen Strukturen für die Zwischenphase signifikant ist und im Rahmen zeitreflexiven Erzählens eine große Rolle spielt. Konstatiert worden ist dies an anderer Stelle etwa am exemplarischen Fall der späten Texte Ludwig Tiecks: Er »thematisiert beide Zeit-Modelle, das der Teleologie wie das der Zirkularität in Lebenslaufmodellen wie in Dichtungskonzepten« Hagestedt 1996: 186.

In Auseinandersetzung mit Der junge Tischlermeister ist davon die Rede, dass das Subjekt dem »leeren alltäglichen Kreislauf« ebd. Ein gutes Beispiel ist auch Der fünfzehnte November. Konstitution und Entwicklung -sstagnation des Subjekts, eingeschriebene Zahlenordnungen gebunden an Zeiträume und Daten, die Anniversität und individuelle und globale Ereignisse zeigen an, dass der Text Linearität und Zirkularität koppelt, um dadurch die »zerstörte Einheit der Welt« ebd.

Man kann sagen: Dieses zweidimensionale Modell nimmt im Denken am Ausgang der Goethezeit Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? zentralen Platz ein, schließlich wird mit ihm die Möglichkeit eingeräumt, das Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Konzept von Geschichte des Einzelnen und der Kultur zu revidieren, denn »wenn eine einmalige Iteration möglich ist, dann ist vielleicht auch eine mehrmalige möglich« ebd. Wir wollen weiterführend argumentieren: Erstens handelt es sich beim angesprochenen Sachverhalt um ein teilphasenübergreifendes Phänomen — es findet sich in den Korpora A, B und C; in A lediglich vereinzelt, häufig dann in B und C.

Zweitens steht es im Zusammenhang mit Zeitreflexion. Wie aus unterschiedlichen Blickwinkeln angesprochen, fungiert Zeitreflexion als strukturell-semantischer Träger literarischen Wandels. Das heißt, über die Auseinandersetzung mit Zeit und über Konflikte literarischer Welten rückt ein poetologisches Problem in den Fokus: die Loslösung von der Goethezeit und die Neufindung eines unbekannten, aber intendiert anderen Systemzustands.

Zirkularität ist ein Fingerzeig auf das Hadern zwischen diesen beiden Orientierungspunkten und zeitreflexiv prägend. Das Problem ist auch in Die Lehnspflichtigen zentral-fundamental. Die Verhandlung der dargestellten Ordnung in der unmittelbaren Vergangenheit und stärker noch in der Gegenwart, wie auch die potenzielle Vereinigung der beiden Hauptfiguren in der Zukunft, indizieren wiederum ebenso deutlich ein lineares Zeitverständnis, das der Textwelt inhärent ist.

Bemerkenswert ist das Ende: Mit der Tilgung seiner Hauptfiguren, die als Hoffnungsträger einer versöhnlichen Lösung hätten fungieren können, ist eine Zwischenlösung für das soziale Problem verknüpft.

Denn nach dem gewaltsamen Konflikt der Erzählgegenwart kehrt die Ordnung in einen Zustand der modifizierten Vergangenheit zurück. Die Grafschaft behält die Vorherrschaft, gleichwohl sie einige Obrigkeitsrechte abtritt. Auf Sozialebene verfährt der Text also zirkulär. Linearität und Zirkularität sind dieser Ordnung am Ende gleichermaßen eingeschrieben.

Nehmen wir drei weitere Texte der Korpora A, B und C in die Hand und schließen bei Tieck an. Seine Novelle Waldeinsamkeit weist die »Aufeinanderprojektion zyklischer und linearer Strukturen« ebd. Zirkulär funktioniert der Text Waldeinsamkeit also erstens, indem er einen werkimmanent intertextuellen Bogen spannt und Vergangenes iterativ aufgreift — und diese Referenz zugleich das Paradigma der Zirkularität unterstreicht und anreichert —, und zweitens, indem er seinem Helden eine regressive Grundtendenz einschreibt und ihn de facto temporär in einen romantischen Vergangenheitszustand versetzt.

Dem entgegen steht die lineare Zeitstruktur der Erzählung. Obgleich nämlich Ferdinand zunächst regressiv agiert und ihm die Versetzung in einen entsprechenden Raum nicht vorenthalten bleibt, vollzieht er doch auch eine Entwicklung. Die Folge ist ein Einstellungswechsel Ferdinands. Andererseits betritt er gemeinsam mit seiner Frischvermählten Sidonie erneut den Raum seiner Gefangenschaft und harmonisiert die Bezüglichkeit zur Romantik mit einem beginnenden bürgerlichen Leben im Stand der Ehe.

Anders gewendet ließe sich dies als Initiationsgeschichte mit glücklichem Ausgang lesen. Die Modifikation gegenüber dem goethezeitlichen Modell aber ist offensichtlich, wird der Held schließlich in der Transitionsphase äußerlich und innerlich isoliert. Und doch folgt auch das vorliegende Modell einem linearen und unidirektionalen zeitlichen Verlauf, an dem eine Entwicklung der Figur — gleichwohl als deutlich sprunghaft markiert — ablesbar ist.

Indem der Text das Konzept der Romantik noch beibehält, es lediglich umdeutet und damit das Moment der Rückschau auf sie und auf die romantische Immersion vonseiten der Figuren über das Ende hinaus zulässt, verfährt er anders als Der fünfzehnte November, worin das zirkuläre Zeitmodell am Ende aufgegeben und in ein rein-lineares überführt wird.

Ähnlich wiederum wie Der fünfzehnte November realisiert auch Zschokkes Der tote Gast die Modellierung zirkulärer und linearer Zeitkoppelungen: Der Rückkehrer Georg Waldrich und seine Ziehschwester Frederike Bankes verbindet eine gegenseitige Liebe, deren Zukunft durch die Aussicht auf eine vom Vater arrangierte Heirat bedroht wird.

Zusätzlich zu diesem Problem im kleinen Rahmen sind verlobte Frauen im dargestellten Teilraum grundsätzlich gefährdet durch die regelmäßige Wiederkehr eines ominösen Geistes, der alle 100 Jahre in der Adventszeit mordend durch das Dorf zieht.

Zirkularität ist mit der regressiven Ausrichtung des Raums Herbesheim zu Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? verbunden: Ihm ist die Orientierung an der Vergangenheit derart deutlich eingeschrieben, dass sich neben der stark betonten Aufgeklärtheit und Vernunft des Vaters Bankes die Dominanz einer abergläubischen Realitätsauffassung abzeichnet und damit verbunden der zyklische Auftritt eines fantastischen Elementes einstellt, dessen Entstehung und Wirken sich 200 Jahre zurückverfolgen lässt.

Mit Erzähleinsatz ist der genaue Ursprung des Schreckens aufgrund einer lückenhaften Dokumentenlage nicht eindeutig zu rekonstruieren. Bemerkenswert aber ist, dass die Problematik auf dieser Ebene — der des Kollektivs — überhaupt erst durch die detaillierte Erzählung Waldrichs in Gang gesetzt wird, der den Aberglauben des Ortes ausnutzt, um seinen — ihm zunächst unbekannten Widersacher — zu dämonisieren und Frederike für sich zu gewinnen.

Die Bedrohung wird trivialisiert und als bloße, durch den Aberglauben hervorgerufene Verblendung verlacht. Sogar die potenzielle Rivalität der beiden Anwerber löst sich in gegenseitiges Einvernehmen und Freundschaft auf. Allerdings wird das Weltmodell auch hier nur teilweise in ein lineares Entwicklungsmodell eingebettet und ist allein einer Erzähllogik verpflichtet, die in dieser Hinsicht als entromantisierend klassifiziert werden kann.

Die Substitution nämlich eines für den Teilraum gültigen zirkulären Modells findet durch ein andersgelagertes, linear-zirkuläres Modell statt, das die Problematik, die der Zwischenphase eigen ist, in zeitreflexiver Hinsicht latent indiziert. Denn bereits zu Beginn wird angezeigt, dass sich die Gegenwart durch eine politisch-zeitgeschichtliche Prozessualität auszeichnet, die im Zeichen der Französischen Revolution und der Vorherrschaft Frankreichs in Europa steht und sich schließlich in den Befreiungskriegen auch in Deutschland entlädt.

Herbesheim wird davon allenfalls tangiert, ist am europolitischen Geschehen nur indirekt beteiligt — ebendies dient aber als Grund für die Rückkehr des Hauptmanns Waldrich, dessen Garnison Stellung in Herbesheim bezieht. Das heißt, ohne das politische Geschehen, das die lineare Entwicklung der dargestellten Welt anstößt und zu tragen scheint, wäre Waldrich nicht erneut vor Ort. Jedoch ist das, was ihm widerfährt und wie er agiert als hochgradig regressives Handeln zu werten, ein Handeln, das wiederum Zirkularität erzeugt: Erstens kehrt Waldrich tatsächlich in dasjenige soziale Umfeld zurück, das er vor seiner Laufbahn als Soldat verlassen hatte.

Zweitens — und noch folgenschwerer — verliebt er sich in seine Ziehschwester. Verzahnt mit diesen Umständen ist die Doppelcodierung des individuellen Entwicklungsmodells als zirkuläres Modell, insofern das Modell am Ende der Transitionsphase, die als solche vom Text deutlich markiert ist, die Rückkehr in den Ursprungsraum vorsieht und eine endogame Paarbildung — gegenüber einer optionierten exogamen — als wünschenswert ausstellt.

Zirkularität wird lediglich verschoben, nicht aber aufgehoben. Ähnliches lässt sich in Stifters Der Hagestolz beobachten. Die Erzählung verfügt im Gegensatz zu Der tote Gast — und später im Übrigen auch Gerstäckers Germelshausen 1862 — von vornherein über keine offensichtlich-zyklische Teilstruktur.

Allerdings, so hatten wir herausgestellt, substituiert er ein Zukunftskonzept, das Autonomie unter Ausschluss der Ehe vorsieht, durch ein Zukunftsmodell der Heteronomie und endogamen Partnerwahl und stellt auf diese Weise Zirkularität auf anthropologischer Ebene her.

Die Normalisierung des Subjekts sieht hier vor, die Loslösung von der Familie zu vermeiden und das Subjekt zur endogamen Partnerwahl zu bewegen. Maximale Endogamie ist der anzustrebende Wert; installiert wird dadurch ein Zukunftsmodell, in dem mit der Vergangenheit restaurativ umgegangen wird. Treten regressive Strukturen in Texten auf, so sind sie an der Vergangenheit orientiert und streben an, die krisenhafte Gegenwart durch die Erneuerung der Vergangenheit zu überwinden.

Sie heben auf ein zirkuläres Zeitverständnis ab, indem sie die Vergangenheit auf die Zukunft und die Zukunft auf die Vergangenheit beziehen. Progressive Strukturen tendieren hingegen dazu, sich von der Vergangenheit zu lösen und andere Konzepte umzusetzen und verfolgen ein lineares Verständnis von Zeit, wobei sie jedoch auf die Abkapselung von der Vergangenheit pochen. Kommen wir von Weltsystemen, ihrer Beschaffenheit und inneren Regulationen zu ihren Bewohnern.

Figuren, so konnte bis hierher nachvollzogen werden, fungieren nicht nur als Träger temporaler Merkmale, deren Funktion in der Staffage fiktionsintern realexistenter, anthropomorpher Wesen bestünde — getragen etwa vom Alter einer Figur und seiner Klassifikation beispielsweise als Jüngling.

Vielmehr wird über das Textelement der Figur, über ihre Semantik, ihre Konfligierung mit anderen Elementen, ihre Wahrnehmung und über ihr Erleben von Zeit zu einem fundamentalen Problem erhoben: Texte nutzen Figuren, um Zeit zu semiotisieren und zu reflektieren und darüber ihre eigene Beschaffenheit und ästhetischen Möglichkeiten eines von der Goethezeit abhängigen Nachfolgersystems zu artikulieren.

Im letzten Kapitel hatten wir in Auseinandersetzung mit der Textinstanz der Figur Initianden fokussiert sowie Bedingungen und Möglichkeiten einer gelingenden Initiation im Rahmen eines gegenüber der Goethezeit modifizierten Erzählmodells diskutiert. Wenn wir die Perspektive in diesem Teil erweitern, so geht es uns um die Erfassung von Dynamiken, denen Welten unterworfen sind.

Neben der statischen Grundordnung, die uns im letzten Kapitel beschäftigt hatte, sollen so verstärkt Verschiebungen von diegetischen Gefügen in den Fokus rücken. Zweitens überführt er diese in einen dynamischen Handlungsverlauf, indem er sie in konfligierende Beziehung setzt und in Bewegung bringt: Hannah und August konspirieren, die Aufständischen dringen in den ihnen fremden Raum ein.

Drittens zeigen sich Auswirkungen dieser Bewegungen Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? für die Figuren als auch für das Weltsystem insgesamt: August und Hannah sterben, die Ordnung wird geringfügig Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?.

Mit dieser Zeitsemiose in Figuren zeigt sich nicht zuletzt auch der Umgang des Literatursystems mit der selbst auferlegten Problematik des Interims wie auch mit Lösungsstrategien, die anzustrebende und wünschenswerte oder nicht erstrebenswerte Zustände implizieren können. Dazu sollten Figuren im Handlungskontext betrachtet werden: Wesentlich sind dafür subjektiv-statische wie auch handlungsbezogen-flexible Personen-Charakteristika, die Ereignisstruktur eines gegebenen Textes, die Zuweisung von Figuren im semantischen Feld bestehend aus den oben genannten Räumen A bis E, ihr Verhältnis zu anderen Figuren ihres sozial-kulturellen Umfeldes und — je nach Geschehensverlauf — auch ihre Bewegungen und Raumwechsel.

Im Anschluss an die bisherigen Ausführungen zu dominanten Weltsystemen wird zuvorderst die Semiose und die Signifikation des Verhältnisses von etischer, emischer Zeit und subjektiver Zeit in den Blick genommen.

Denn offensichtlich kommt eine Konfrontation mit der Vergangenheit durch eine Störung emischer Zeit zustande: Die Gegenwart oszilliert zwischen einem Zeitverständnis, das epistemisch einerseits durch die Erfahrung aus der Vergangenheit und andererseits durch ein davon losgelöstes Verständnis angereichert ist, das die Vergangenheit kritisch beäugt und den aktuellen Status als Krise und Übergangszustand, als unverständlich und unerträglich beschreibt.

Dabei geht es nicht um fiktionsintern tatsächlich realisierte Zeitparadoxien — herbeigeführt etwa durch Zeitreisen —, sondern um den Kontrast, die Divergenz zwischen mentalen Zeitkonzepten einerseits und diegetisch-ontologischen Zeitmodellen andererseits, und zwar im Hinblick auf das figürliche Erleben dargestellter Zeitgeschichte.

Das Problem lässt sich anhand der Unterscheidung zwischen etischer, emischer und subjektiver Zeit nachvollziehen. Als etische Zeit hatten wir die unabhängig von kultureller oder subjektiver Ausdeutung übergreifende, allumfassende und intersubjektiv wahrnehmbare Zeit definiert, als emische Zeit ihre kulturspezifische Konzeptualisierung, als subjektive Zeit die an das Erleben der Figuren gekoppelte Zeit.

Eine Besonderheit literarischer Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? anderen Formen artifizieller Artefakte liegt ja nun bekanntlich darin, dass sie Zeit und Zeitlichkeit — in einem engeren Sinn — nicht direkt abzubilden imstande sind Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

sie sie stattdessen literarisch semiotisieren und mittels Semiotisierung erzählte Welten temporal semantisieren und strukturieren. Wie unter Zuhilfenahme von de Toros Taxonomie ersichtlich, reicht dabei die Reichweite über eine schlichte Benennung von Erzählzeit und erzählter Zeit hinaus. Sie fungiert vielmehr als eine jeglichen Instanzen übergeordnete, der Welt eingeschriebene, konsistente Dimension. Geschichtliche Prozesse getragen durch kollektives Handlungsgeschehen und individuelle Handlungsverläufe lassen sich so auf einem Zeitstrahl abbilden, ohne dass — wie denn teilweise in der Literatur des 20.

Jahrhunderts — in ihrer Rekonstruktion Widersprüche oder temporale Inkohärenzen auftreten würden. Darüber hinaus werden die Eigenschaften der etischen Zeit in anderen Texten insbesondere beim Verständnis einer emischen Zeit nicht umstandslos hingenommen — ja mehr noch: Etische Zeit wird stellenweise ganz offen in Frage gestellt.

Mit Ordnungswechseln, die eine Krise der fokussierten Gegenwart mit sich Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?, hängt ganz offensichtlich auch die Reflexion von Zeit zusammen. Gänzlich entgegengesetzt zur etischen Zeit erscheint denn gar die Realisierung der subjektiven Zeit — Individuen verhalten sich in diesem Zusammenhang in temporaler Hinsicht teils orientierungslos: So haben Figuren in unterschiedlichen Kontexten gemein, Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

sie sich in ihrer Welt nicht mehr problemlos zurechtfinden und dies dann auch zeitreflexiv zum Ausdruck bringen. Aufgerufen wird dieses Problemfeld in Texten seit den 1830er-Jahren und hat dort seinen hauptsächlichen Verhandlungsort. In Textkorpus A findet es sich allenfalls marginal ausgebildet, in Textkorpus C geht die Offensivität, mit der es auf der Textoberfläche auftritt, zurück und wird durch subtilere Konstellationen ersetzt.

Man kann daraus den Schluss ziehen, dass sich die Spätromantik bis Mitte der 1820er-Jahre augenscheinlich zwar in anderen Bereichen — wie zum Beispiel im Fall der Initiationsgeschichte — sukzessive von bestimmten Mustern und Modellen abzusetzen beginnt und dies mit zeitreflexiven Strukturen versieht — aber eben noch nicht die genannten Schaltstellen geltend macht.

Genannte Ausnahmen stellen Zschokkes Der tote Gast und Addrich im Moos dar. Ersterer unternimmt die Umsemantisierung eines seiner diegetischen Teilräume mittels Re-Narrativierung und transponiert damit Zirkularität von der Kollektivebene auf die Individualebene.

Beide Texte antizipieren ihrer Anlage nach Konfliktanordnungen der 30er- und 40er-Jahre. Wie genau werden etische und emische Zeit semiotisiert, inwiefern davon eine dezidiert subjektive Zeit abgesondert, und wie verhalten sich diese Dimensionen zueinander? Beobachten lassen sich zwar verschiedene Strategien der Differenzierung und Semantisierung der drei Zeitdimensionen; ihre Semiose und gegenseitige Relationierung indessen laufen stets auf die Relevantsetzung von Zeit hinaus.

Dieser Komplex ist zentral zur Behandlung unserer Thesen — illustrieren wollen wir ihn anhand von Mundts Moderne Lebenswirren, Eichendorffs Das Schloß Dürande und Stifters Bergkristall.

Mundts Moderne Lebenswirren — im Untertitel Briefe und Zeitabenteuer eines Salzschreibers — ist der Gattung des Briefromans zugehörig und modelliert explizit eine Reflexion von Zeit, die der Text am Protagonisten Seeliger vorführt. Dieser schildert seiner Geliebten Esperance in mehreren Briefen seine Situation in Kleinweltwinkel, bevor jene ihn zum Aufbruch bewegt und zu sich holt. Denn offensichtlich repräsentiert das »Wirrwarr« ebd. Eine erste Beobachtung könnte lauten: Das, was der Text verhandelt, verlagert er gleichermaßen auf seine zeichenhafte Oberfläche und macht es explizit.

Etische Zeit — verstanden als objektive und physikalische Zeit, die linear und unidirektional abläuft — lässt sich an den Datierungen ausmachen sowohl der Vorrede als auch der Briefe: Die Vorrede ist datiert auf »Pfingstsonntag, 1834«, die Briefe umfassen einen Zeitraum vom 1. Dabei ist die Wahl der Briefform natürlich signifikant. Zum einen bildet die Chronologie der Briefe einen Zeitverlauf ab, den man auch unabhängig von der Figur und ihren Schriften nachvollziehen kann; zum anderen zieht die Unregelmäßigkeit ihrer Datierung die Übertragung etischer Zeit in fassbare, segmentale Zeitträger nach sich, die einen spezifischen Umgang mit ihr offenlegen.

In direkter Anlehnung steht dies ferner mit der unmittelbaren Lebenswirklichkeit des Entstehungskontextes — zumindest in zeitlicher Hinsicht —, denn publiziert worden ist Mundts Text tatsächlich 1834. Eine zweite Beobachtung wäre also: Der Briefroman fusioniert seiner Form nach einen kontinuierlichen mit einem diskontinuierlichen Zeitverlauf und steht ästhetisch in der Nähe zur Lebenswirklichkeit des Entstehungskontextes. Emische und subjektive Zeit erscheinen gestört. Ein Gesprächspartner Seeligers namens Mundus hebt auf ein zirkuläres Zeitkonzept ab, wenn er mit Hilfe des Ouroboros-Symbols Zeit als »Kreis ohne Anfang und Ende« ebd.

Deshalb aber auch ist die Zeit, weil sie die Schlange ist, die Allverführerin, die immer sucht, wen sie verlocke. Kulminationspunkt dieser Problematik ist das schreibende und dichtende Subjekt, das reagiert, reflektiert und künstlerisch tätig wird. Am Lebensausschnitt Seeligers ausgerichtet entwickelt der Text sein Zukunftsmodell: Ein Entwicklungsmodell lässt sich überhaupt nicht nachvollziehen, noch nicht einmal im Rahmen einer modifizierten Initiationsgeschichte.

Die Ambivalenz zeigt sich auch in temporalsemantischer Hinsicht: Zeitlich situiert ist das Ende nach dem Jahreswechsel und stellt potenziell einen Neuanfang dar — allerdings ist Seeliger mit 26 Jahren merkwürdigerweise bereits vorzeitig gealtert »Erschrick nur nicht, wenn Du mich grau und gealtert wiederfindest«; ebd.

Eine dritte Beobachtung könnte demnach lauten: Die Störung emischer Zeit ausgelöst durch politische, kunstästhetische, anthropologisch-zwischenmenschliche Um- Brüche kondensiert der Text im schreibenden Subjekt, das dies zeitreflexiv re-formuliert.

Das Subjekt wird in seiner idiosynkratischen Empfänglichkeit zum Spielball von Zeittendenzen, die ihm durch andere Figuren — insbesondere Zodiacus — nahegebracht werden.

Die letztendliche Überführung in einen Zustand der Zeitlosigkeit ist äquivalent mit Resignation, die der Roman rückbindet an die eigene Stellung als literarisches Werk seiner Zeit: Dies Buch, und ich darf es als bloßer Herausgeber wohl gestehen, liebe ich gerade deshalb, weil es gar keine Resultate hat, sondern nur dazu reizt, dieselben zu suchen.

Es ist gerade so resultatlos, als unsere Zeit es noch bis auf diese Stunde ist, und ein Buch muß nicht klüger sein wollen, als seine Zeit. Abermals haben wir es mit einer Erzählung zu tun, die anthropologisch-ontogenetische Probleme mit sozial-phylogenetischen Problemen relationiert: Der Jäger Renald Dübois setzt sich gegen die Liebesbeziehung zwischen seiner Schwester Gabriele und dem Grafen Hippolyt zur Wehr, fordert nach ihrer mutmaßlichen Entführung durch den Grafen eine öffentliche Bekanntgabe ihrer Verbindung, tötet beide und — in Erkenntnis der wahren Liebe zwischen Gabriele und Hippolyt — am Ende sich selbst.

Im Zusammenhang damit steht der revolutionäre Umsturz des absolutistischen Gesellschaftssystems, den Renald selbst entscheidend in Gang setzt. Konstatiert wird damit von Beginn an, dass die erzählten Ereignisse ein negatives Zukunftsbild nach sich ziehen, in dem die Figuren absent sind und ihre Zukunft gekappt ist. Die temporale Situierung des Geschehens wird zwar nicht explizit datiert, ist aber eindeutig als Zeit der französischen Revolution identifizierbar.

Dieses also ein wesentlicher Aspekt emischer Zeit: verweist die temporale Situierung schließlich auf einen entscheidenden Einschnitt in der Kulturgeschichte, der — und dies ist im Text ebenso entscheidend — einhergeht mit einer Störung des Verhältnisses von emischer und etischer Zeit. Letztere erscheint als diegetische Konstante kontinuierlich und in Form wiederkehrender Tageszeiten zirkulär markiert, während der Zyklus der Jahreszeiten unabgeschlossen bleibt. Die zeitliche Spanne der gerahmten Handlung umfasst ein knappes Jahr, einsetzend im Sommer und endend im Frühling des darauffolgenden Jahres.

Die explizit genannten Jahreszeiten treten doppelcodiert in Erscheinung: Stets indizieren sie die unmarkierte Natürlichkeit der dargestellten Welt und setzen darüber hinaus Marker auf individueller oder kollektiver Handlungsebene, die die verhandelte Problemlage hervorheben.

Bezeichnend beispielsweise ist, dass der entstehende Konflikt an einem » schwülen Sommerabend« ebd. Die vordergründige Motivation Renalds besteht im Schutz der Schwester nach dem Verlust der Eltern — der eigentliche Handlungsantrieb aber ist der latent-regressive Wunsch, den unmittelbaren Vergangenheitszustand eines Familiensubstituts mit der Schwester wiederherzustellen, die er unbewusst begehrt.

In der Attribution der Jahreszeit findet also auch Renalds Gemütszustand Ausdruck: in der Angst, seine Schwester zu verlieren, verbunden mit seiner latent-erotischen Leidenschaft für sie — verstärkt durch die Gestaltung der Figurenwahrnehmung »es flimmerte ihm vor den Augen, als könnte er sich in einem schweren Träume noch nicht recht besinnen.

Er konnte es nicht länger aushalten in der drückenden Schwüle. Im Winter kündigen sich die »feurigen Zeichen einer Revolution« ebd. Versehen wird die Jahreszeit dabei mit der Semantik des Scheinhaften: Ebenso wie Renald Gabriele mutmaßlich auf dem Schloss des jungen Grafen vermutet, so trügt auch der Winter: »Es war einer jener halbverschleierten Wintertage, die lügenhaft den Sommer nachspiegeln, die Sonne schien lau, aber falsch über die stillen Paläste« ebd.

Sinnfällig — wie schon in Ottos Lehnspflichtigen — ist daneben die Funktionalisierung des Frühlings als Jahreszeit des möglichen Neuanfangs — sowohl Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Kollektivebene, auf der das alte, absolutistische System dem Untergang geweiht ist, ebenso wie auf Individualebene, die in Form der affektiven Handlungsweise Renalds mit der anderen Ebene parallelisiert wird.

Denn homolog mit dem alten, kranken Grafen, der — während die Bedrohung durch die Aufständischen zunimmt — störrisch-standhaft an alten Formen festhält, verhält sich Renald mit seinem Wunsch auf Rückkehr in den vergangenen Zustand der geschwisterlichen Idylle. Noch bestimmter lenken Tageszeiten den Blick auf die Wertigkeit der Ereignisse, wobei dem Segment der Nacht — versehen mit höchster Ereignishaftigkeit — eine exponierte Stellung zukommt. Geheime Liebschaft und geschwisterlich-harmonischer Vergangenheitszustand, entscheidende Konfrontationen und Auslöser für Kämpfe — alles dies ist nachts situiert oder wird mit der Nacht in Verbindung gebracht.

Sie fühlte sich, seit sie von ihrem Liebsten getrennt, als seine Braut vor Gott, der wolle sie bewahren. Ihr ganzes Dichten und Trachten ging nun darauf, ihn selber auszukundschaften, da ihr niemand beistand in ihrer Einsamkeit. Da läßt mein Liebster mich grüßen, dachte Gabriele bei sich. Wie du auch so allein im Dunkeln durch den Wald gehen kannst, sagte Renate wieder; ich stürbe vor Furcht. So, wie sich die Figur Renate also als nichtliebende Figur auszeichnet, ordnet der Text Gabriele der Liebe, genauer: der romantischen Liebe zu.

Ihr romantisierender Blick aus dem Fenster des Klosters ist paradigmatisch: Gabriele verhält sich ganz gemäß dem goethezeitlichen Initiationsmodell. Eichendorffs Text kennzeichnet über diesen grundsätzlichen Aspekt — der Störung von emischer und etischer Zeit — hinaus die Schnittstelle zwischen etischer, emischer und subjektiver Zeit als besonders defektiv. Daher rühren denn auch derart seltsam anmutende Zeitstrukturbildungen wie die Folgende: Währenddes schnurrten im Schloß Dürande die Gewichte der Turmuhr ruhig fort, aber die Uhr schlug nicht, und der verrostete Weiser rückte nicht mehr von der Stelle, als wäre die Zeit eingeschlafen auf dem alten Hofe beim einförmigen Rauschen der Brunnen.

Hier ist die Uhr nicht gar als Messinstrument für Zeit defekt, sondern in ihrer Funktion als Taktgeber soziokulturellen Lebens temporär gestört.

Draußen, nur manchmal vom fernen Wetterleuchten zweifelhaft erhellt, lag der Garten mit seinen wunderlichen Baumfiguren, Statuen und vertrockneten Bassins wie versteinert im jungen Grün, das in der warmen Nacht schon von allen Seiten lustig über die Gartenmauer kletterte und sich um die Säulen der halbverfallenen Lusthäuser schlang, als wolltʼ nun der Frühling Alles erobern. Das Hausgesinde aber stand heimlich untereinander flüsternd auf der Terrasse, denn man sah es hier und da brennen in der Ferne; der Aufruhr schritt wachsend schon immer näher über die stillen Wälder von Schloß zu Schloß.

Da hielt der kranke alte Graf um die gewohnte Stunde einsam Tafel im Ahnensaal, die hohen Fenster waren fest verschlossen, Spiegel, Schränke und Marmortische standen unverrückt umher wie in der alten Zeit, niemand durfte bei seiner Ungnade, der neuen Ereignisse erwähnen, die er verächtlich ignorierte. Erst mit der Ankunft des jungen Grafen als potenziellem Zukunftsträger »fing die Uhr trostreich wieder zu schlagen an « ebd. Insgeheim sehnt die Figur selbst aber einen Wechsel herbei: »Ich bin so müde, sagte er, so müde von Lust und immer Lust, langweilige Lust!

Über Renald heißt es: »In der Unruhe seiner Seele war er der Zeit ein gut Stück vorausgeschritten« ebd. Auf der anderen Seite wird der Graf aufgestellt als jemand, dessen Zeiterleben asynchron-retardiert zu etischer und emischer Zeit verläuft, der jedoch seinerseits progressiv auf die gemeinsame Zukunft mit Gabriele hin ausgerichtet handelt.

Beide sind sich ihrer Zeit bewusst, erleben sie aber diametral anders und steuern zusätzlich Unterschiedliches an. Vor der Kontrastfolie des Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? der Goethezeit wird wiederum die neue Anthropologie repräsentiert in der Personen-Konzeption und dem Verhalten Renalds, dessen Familie allein in der Person Gabrieles existiert — und die somit defizitär ist — und der die Loslösung von seiner Schwester und ihre Verbindung mit einem anderen Mann nicht akzeptieren kann.

Codiert wird diese neue Anthropologie aber zudem auch als negativ-pessimistische, da sie destruktive und selbstdestruktive Verhaltensweisen impliziert und sich als nicht tragfähig erweist. Bezeichnend und entscheidend ist auch, dass Renald zwar in persönlichen Belangen regressiv semantisiert ist und den unwiederbringlichen Kindheitszustand herbeisehnt, er aber in gesellschaftlichen Belangen der ausschlaggebende Katalysator des Ordnungsumsturzes ist: »Da stürzte auf einmal vom Schloß die Bande siegestrunken über Blumen und Beete daher, sie schrien Vivat und riefen Renald im Namen der Nation zum Herrn von Dürande aus« ebd.

Mit seinem regressiven Handeln setzt also Renald auf Kollektivebene eine progressive Neuordnung in Gang. Und zum Zeitpunkt des Erzählens — der fiktionsinternen Zukunft — schließlich ist von »Frühlingstagen« ebd. Das Schloß Dürande koppelt also die Leitdifferenz mit regressiven und progressiven Vektoren und weist ebendiese Anlage als vitiös Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? nicht zukunftsfähig aus. Klar wird an diesem Beispiel wie für die Phase der 1840er-Jahre insgesamt : Gleichwohl Zeitreflexion nicht vorrangiges Thema sein muss, ist sie dem Literatursystem dennoch eingeschrieben — und mit ihr spezifische Umgangsweisen und Denkmuster in Bezug auf Zeit.

Eine offensiv-explizite Semiotisierung reflexiver Zeitstrukturen jedoch geht, wie schon gesagt, in den 1840er-Jahren gegenüber den 30er-Jahren zurück. Bergkristall erzählt die Geschichte zweier Kinder, die am Heiligen Abend auf dem Rückweg von einem Dorf in ein anderes von einem heftigen Schneegestöber überrascht werden und sich auf einem Berg verirren, dann aber schließlich gefunden und ihren Eltern zugeführt werden.

Erzählt wird darüber hinaus ein entscheidender Umschwung der Kultur- Geschichte ebendieser Dörfer, die bei topografischer Nähe gänzlich unterschiedlich gekennzeichnet sind und sich durch das Ereignis der Verirrung der Kinder im Endzustand sozial annähern.

Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Textbeispielen wird die temporale Situierung des Geschehens hier nicht konkretisiert, stimmt jedoch grob mit dem Zeitraum der Textgenese überein. Trotz Fehlen dieser Explikation eines Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Kontextes sind Teilräume und Figuren mit spezifischen Temporalsemantiken versehen, die überdeckt werden von einer etischen Naturzeit und von jener separiert sind: So spinnt es sich ein Jahr um das andere mit geringen Abwechslungen ab, und wird sich fortspinnen, solange die Natur so bleibt, und Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

den Bergen Schnee und in den Tälern Menschen sind. Die Bewohner des Tales heißen die geringen Veränderungen große, bemerken sie wohl, und berechnen an ihnen den Fortschritt des Jahres.

Grundsätzlich sind »Sitten und Gewohnheiten in Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Thälern so verschieden, selbst der äußere Anblik derselben so ungleich, als ob eine große Anzahl Meilen zwischen ihnen läge« ebd.

Millsdorf formiert den prosperierenden, handelsoffenen, ansehnlicheren und moderneren, Geschaid den isolierten, ökonomisch etwas rückständigen, aber durchaus funktionierenden und betont traditionsbewahrenden Teilraum. Das fortschrittliche Millsdorf liegt in einem tieferen Tal und ist klimatisch begünstigt, sodass »man die Erndte immer um vierzehn Tage früher beginnen konnte als in Gschaid« ebd. Synekdochisch bilden die genannten Figuren das hauptsächliche Problem der dargestellten Kulturgeschichte ab.

Demgegenüber bringt die Schusterfamilie zwar die Voraussetzung zur Gestaltung einer Zukunft mit — indem sie biologisch reproduktionsfähig ist —, ihre Lokalisierung und soziale Reputation im regressiven Gschaid allerdings steht dazu in hemmendem Kontrast — erkennbar daran, dass sich die jungen Kinder vornehmlich zwischen beiden Räumen bewegen und Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Mutter im Heimatraum nachhaltig als Fremde wahrgenommen wird.

Die Überführung einer Ordnung A in eine Ordnung B steht auch in Stifters Text in Verbindung mit einer temporären Störung von Zeit, die der Text in der Orientierungslosigkeit der Kinder motiviert. Mit ihnen wird Zeit verhandelt: Ihr Schicksal und damit die Zukunft der Familie stehen auf dem Prüfstand.

Das wesentliche Geschehen ereignet sich an Heiligabend, einer Zeit, zu der die Tage »sehr kurz« ebd. Als bedeutsam wird daneben der Umstand gekennzeichnet, dass das Verirren Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? zum Fest des Heiligen Abends geschieht, ein für die im Text dargestellte christlich geprägte Kultur und damit hinsichtlich der emischen Zeit eminent wichtiges Geschehensmoment, das zyklisch wiederkehrt und betont tradiert-feste Handlungsabläufe involviert.

Damit überlagert die Erzählung, wie schon an anderen Beispielen herausgestellt, eine zyklische Zeitvorstellung mit der Linearität einer der Welt konstatierten Entwicklungsmöglichkeit, die wiederum in der Korrelation von wiederkehrendem Fest und einmalig-folgenreichem Ereignis fundiert ist. Auf dem Rückweg ändern sich die Wetterlage und damit der Zustand der Naturumgebung mit der Konsequenz einer Aufhebung absoluter Zeitangaben vonseiten der Erzählinstanz, die mit dem Verlust des Zeitgefühls bei den Kindern einhergeht: »Der Knabe konnte die Zeit nicht ermessen« ebd.

Wäre ein Wind gegangen, so wären die Kinder verloren gewesen. Figuren dienen demnach nicht allein als Träger von Zeit zum Beispiel durch ihre Zugehörigkeit zu einer Altersstufe und Zeitlichkeit aufgrund ihres Alternssondern auch als Träger spezifischer Temporalsemantiken mit signifikantem Charakter. Bei diesen handelt es sich um figurenintern verankerte, psychisch-mental installierte Anlagen, die entsprechendes Verhalten initialisieren und im Verlauf des Geschehens potenziell wandelbar sein können.

In Auswertung der behandelten Punkte muss zuvorderst die fundamentale Relation der wechselseitigen Implikation von Zeitreflexion und Anthropologie angeführt werden.

Sie bedeutet, dass zum einen die Reflexion von Zeit ihren wesentlichen Anteil in anthropologischen Propositionen findet; ihre Strukturen sind paradigmatisch in den Figuren verankert.

Andersherum ist der Literaturanthropologie, wie sie die Zwischenphase kennzeichnet, immer auch ein zeitreflexives Potenzial eingeschrieben. Verwiesen werden kann hinsichtlich dessen auf die ausführlich behandelten Texte wie Der Hagestolz, Das Bild des Kaisers, Zu Spät!

Das zweite übergreifende Merkmal besteht im gegebenen Bereich in der Inkongruenz und Disparität von etischer, emischer und subjektiver Zeit. Frank 1998 etische Zeit generell konstant und linear, gleichförmig und unidirektional gestaltet ist, sie offenbar nicht Teil des charakteristischen Experimentierfelds zu sein scheint.

Hingegen können die emische und auch die subjektive Zeit die Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Formen annehmen Moderne Lebenswirren; Das Schloß Dürande. Es wäre zu vermuten, dass erstens überhaupt ein Bewusstsein über eine Differenz mehrerer Zeitsphären vorherrscht, dass zweitens ein zeitreflexives Potenzial, das heißt ein Nachdenken über Zeit, über diese Differenz aufgebaut wird, und dass drittens der kulturelle Umgang mit Zeit wie auch das subjektive Erleben von Zeit offensichtlich als heikel erachtet werden.

In jedem Fall gehen die Zeitdimensionen nicht überein; ihr Verhältnis zueinander ist erschüttert. Die Verschränkungsstruktur, um die es in diesem Kapitel geht, steht in vielfältigen Beziehungszusammenhängen zur Leitdifferenz des Literatursystems.

Vielfältig deshalb, weil die Leitdifferenz selbst in skalierter Form erscheint, und vielfältig auch, weil die Zuordnung der beiden Strukturmengen flexibel gehandhabt wird. Neben diesen mehrschichtigen und sich gegenseitig überlagernden Anordnungen Das Bild des Kaisers sind indes auch eindeutigere Vernetzungen zu beobachten Die Lehnspflichtigen. Eine Dichotomie, die immer wieder ins Auge fällt und die natürlich die spezifische zeitreflexive Anlage der Zwischenphase grundiert, ist die der Gegenüberstellung von betont goethezeitlichen und andersartigen, betont nichtgoethezeitlichen Strukturen.

Auch dies offenbart sich an erster Stelle in Form anthropologischer Modellierungen: Eine Figur entspricht dem goethezeitlichen Modell, eine andere einem anderen, alternativen Modell — die Engführung ist konfliktreich Das Schloß Dürande. Dem wohnt zum einen die strukturelle Überlagerung von Leitdifferenz und Verschränkungsstruktur inne, zum anderen lenkt die Dichotomie den Blick auf das metatextuell-selbstreflexive Moment.

Im Hintergrund steht dabei der Umstand, dass die Störungen von Zeit, wie sie durch diverse Ursachen zustande kommen, oftmals nicht nur generell unlösbare Konfrontationen nach sich ziehen, sondern gar für das Subjekt pathologische Folgen haben können.

Nicht ganz unproblematisch dabei ist, dass der von ihnen bezeichnete Phänomenbereich jedoch weit über diejenigen Textstrukturen hinausreicht, die vornehmlich mit diesen Begriffen versehen worden sind. Zudem ist auf die Gefahr hinzuweisen, vom singulären Einzelfall auf das Allgemeine zu schließen, ohne eine methodisch abgesicherte Basis zu schaffen, von der ausgehend wiederum die Begriffe überhaupt erst als Beschreibungskategorien tragbar erscheinen. Einige Teilaspekte klangen bereits an, zum Beispiel dort, wo es um Zeitkonflikte ging, die Initianden auszutragen haben, oder auch dort, wo die Aktivierung des Zeiterlebens erörtert wurde vgl.

Zuvor jedoch steht er in einem Widerspruch mit sich selbst, möchte er doch nicht die Sozialstruktur verändern — von der er schließlich selbst in beruflicher Hinsicht profitiert —, sondern zumindest oberflächlich lediglich sein Recht einfordern, das er Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? — schon früh gänzlich übertrieben — gewaltsam durch Schusswaffengebrauch geltend macht.

Ein Widerspruch besteht dabei darin, dass er de facto das zerstört, was er idealiter wiederherstellen möchte. Wie in diesem Fall führt Zerrissenheit auch in früheren Texten immer wieder zu Selbstverlust in Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? von Wahnsinn oder Tod. Denn eine Folge von Zerrissenheit ist in diesem System neben Tod — Wahnsinn tritt auffällig selten in Erscheinung — in erster Linie die Resignation: die Abfindung mit gegebenen Verhältnissen ohne Inanspruchnahme selbstgesteuerter Änderungsmaßnahmen.

Es kommt auffallend oft zur Spaltung des Subjekts etwa beim Doppelgängerdas zwischen einer Befangenheit in bürgerlichen Normen und Werten und im Tabubewusstsein und dem Streben nach Loslösung von diesen steht. Figuren sind handlungsunfähig oder schwanken zwischen verschiedenen Handlungsoptionen, die sie abwechselnd zu realisieren anstreben und wieder fallen lassen.

Wir sprechen daher auch von einem Gegenwarts kippmodell. Auch Textwelten — nicht allein Figuren — sind ambivalent-heterogen aufgebaut hinsichtlich der vorherrschenden Dominanz von in die Vergangenheit reichender Instanzen, die bisweilen jedoch auch als untragbar und nicht zukunftsfähig semantisiert sind. Im Zusammenhang mit den oben genannten Verschiebungen gegenüber der Romantik, ließen sich diverse Untersuchungsfelder ausmachen, die teils bereits auch schon anklangen.

Dessen ungeachtet ist es freilich das Verhältnis von Figur und Welt, das ausschlaggebend für die Ausbildung dieses Strukturmusters ist. Wir hatten bereits herausarbeiten können, dass die Störung von Zeit nicht eigentlich im Weltsystem selbst begründet liegt, sondern erst durch die Inkongruenz und Disparatheit von etischer, emischer und subjektiver Zeit zustande kommt.

Das Subjekt ist nicht eo ipso in pathologischer Steigerung uneins mit sich selbst, sondern bildet dies reaktiv aus, als Effekt, in Reaktion auf die Erkenntnis des eigenen Unvermögens. Den Extremfall dafür liefert zunächst Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?.

Lenz selegiert einen Lebensabschnitt seines Helden, in dem nicht mehr allein die Zerrissenheit der Figur eine Rolle spielt, sondern bereits Konsequenzen dieses Zustands mehr als deutlich hervortreten. Bemerkenswert ist demnach neben der Personen-Konzeption in ihrer pathologischen Ausformung auch das Zeitmodell der dargestellten Welt das die Zustandsveränderung der Figur nachvollziehen lässt und insbesondere natürlich das Verhältnis des Helden zu seiner Umwelt im Gegenwartssegment — das wiederum als hochproblematisch gekennzeichnet ist.

Rekonstruiert werden kann ein einfaches Zeitmodell. Lenz hat sein heimisches Umfeld verlassen, dem er in der vorgelagerten Vergangenheit zugehörig gewesen ist, und hält sich bei Oberlin auf.

Der Vater versucht ihn mehrmals zu kontaktieren und mittels anderer Figuren zur Räson zu bringen, einmal über Kaufmann, dann über Oberlin; doch vergeblich: der Kontakt wird vonseiten des Helden nicht wieder aufgenommen. Lenz — referiert wird ja ganz offenkundig auf den Dichter des Sturm und Drang — ist mit Erzählbeginn bereits als Schriftsteller mehrerer Dramen in Erscheinung getreten, das Schreiben indes gehört im Verlauf des Geschehens nicht mehr zu seinen Tätigkeiten. Doch spricht er eine kunstästhetische Entwicklung an, der er skeptisch gegenübersteht und die beim Gegensatz von Realismus und Idealismus ansetzt; Lenz selbst plädiert für eine realistische Kunst, die offensichtlich aber aktuell gegenüber der anderen Richtung einen schweren Stand zu haben scheint.

Am Ende und angesichts der nicht weiter thematisierten Zukunft heißt es dahingehend: »Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er tat alles wie es die anderen taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last.

Man muss auch hier von einer Negativierung sprechen. Und ebendies ist der entscheidende Punkt. Blickt man nämlich genauer auf die Figurensemantik, so ist eine Konstanz sinnfällig: die der Semantik der Leere.

Denn tatsächlich arbeitet auch Büchners Text mit einem zyklischen Zeitmodell, das er substantiiert in seiner Hauptfigur und das er linearisiert im fortschreitenden Prozess der geistig-körperlichen Verkümmerung. Lenz ist Gefangener seines Selbst, das er Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? versteht und dem er hilflos ausgesetzt ist. Er wird gegenüber seiner Umwelt immer unverständlicher, wie auch ihm seine Umwelt immer gleichgültiger wird. Entscheidend ist: Das Erscheinungsbild des Helden und seine Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt ist ausschließlicher Erzählanlass des Textes.

Lenz ist fokalisiert, die Informationsvergabe protagonistenzentriert, der Einblick in die Textwelt egozentrisch. Zu klären wäre demnach der Zusammenhang von Zerrissenheit und Zeitreflexion. Zerrissenheit tritt lexikalisch explizit auf. Daraus ließe sich folgern: Das Strukturmuster wird auf der Textoberfläche in eigentlichem und uneigentlichem Redemodus aufgebaut.

Die Pathologie des Erscheinungsbildes von persönlicher Zerrissenheit, auf die beide Modi hinauslaufen, zeigt sich darin, dass Lenz an einem innerlichen Schmerz — an der Schnittstelle also zwischen Körper und Geist — leidet, der sich in massiven Schüben äußert »unendliche Qual«; ebd.

Pathologisch ist der Sachverhalt auch deshalb zu nennen, da er offensichtlich fortwährend auf der Schwelle zum Selbstverlust steht »Abgrund«; »als müsse er sich auflösen«; ebd. Ein süßes Gefühl unendlichen Wohls beschlich ihn. Je höher er sich aufriß, desto tiefer stürzte er hinunter. Zielpunkt ist immer wieder die Ruhe, ein Befinden, das ihm zwar gelegentlich vergönnt ist, aber nicht von nachhaltiger Dauer sein kann vgl. Die Folgen: Die Figur ist verwirrt, verhält sich selbstdestruktiv bis hin zu Suizidversuchen und verfällt zunehmend dem Nihilismus »gar nichts, gar nichts«; ebd.

Lenzʼ psychisch-physische Verfassung nimmt bei all dem sukzessive ab »Zustand immer trostloser geworden«; ebd. Parallel zur zyklischen Entleerung erfolgt somit auch ein sukzessiv-fortlaufender Prozess der Degression: Der Text überlagert in seiner Hauptfigur und in Form der Figurenpathologie zyklisches und lineares Zeitmodell. Beim Bibellesen, so heißt es auch, gehen »alte vergangne Hoffnungen in ihm auf« ebd.

Tatsächlich verschafft ihm die von Oberlin ermöglichte, selbst Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Predigt Linderung. Doch der Gesamtkomplex dreht sich nicht ausschließlich um religiös motivierte Zweifel, die Lenz wiederholt heimsuchen. Denn: »Ahnungen von seinem alten Zustande durchzuckten ihn, und warfen Streiflichter in das wüste Chaos seines Geistes« ebd.

Die Vergangenheit wird verschleiert, sie ist präsent, ohne zugleich auch benannt werden zu können, geschweige denn, dass ihr Abbruch zu erklären wäre. Sinnfällig ist auch, dass Lenz wiederholt als kindlich beschrieben wird, er also in übertragenem Sinne im Kindstatus verblieben ist vgl.

Die Koppelung zwischen krankheitsbedingter Ahnungslosigkeit und körperlicher Entwicklungsstagnation ist für sich genommen nicht paradoxal: Schließlich steht beides nicht in logischem Widerspruch zueinander. Es lässt sich hinsichtlich der zeitreflexiven Stoßrichtung des Textes also Folgendes festhalten: Schaltstelle und Zugang der uns präsentierten Welt ist die Hauptfigur. Man fragt sich zudem, wie die positiv attribuierte Vergangenheit aussieht. Doch der Text belässt es bei Andeutungen und versperrt den Blick in das der Gegenwart vorangegangene Zeitsegment; die Rekonstruktion verläuft ins Spekulative.

Ebendies sind zwei Aussagen des Textes: Die Gegenwart ist von der Vergangenheit überlagert und doch auch von ihr separiert; der Bruch mit ihr führt zu einem unlösbaren, akuten Problem, das bis in die Zukunft hinein besteht. Zerrissenheit in Büchners Text zeigt sich also als Effekt, der aus einer in der Gegenwart nicht mehr nachvollziehbaren Orientierung an der Vergangenheit hervorgeht, oder: als Symptom einer ins Krankhafte gesteigerten Verschlossenheit in der eigenen Gegenwart.

Die Figur nimmt sich selbst als unzulänglich wahr, die zwischenmenschliche Interaktion mit ihrer Umwelt ist in weiten Teilen erheblich gestört bis unmöglich. So wie der Einblick in die für die Figur inzwischen rätselhafte Vergangenheit verschlossen bleibt, so ist auch die Zukunftsaussicht massiv eingeschränkt und die Zukunft am Textende negativiert — was als Folge der in Wahnsinn gesteigerten Zerrissenheit inszeniert wird. Büchners Lenz fokussiert demnach den Helden und verfährt in der Vermittlung von Welt radikal protagonistenzentriert: Die Störung des Protagonisten Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

zur Störung der dargestellten Welt insgesamt, die aus Sicht der Figur nicht mehr erschlossen werden kann und deren interaktionaler Kontakt beinahe gänzlich verloren ist. Rätselhaft bleibt, wie es zur Störung gekommen ist, offenbleibt, ob die Probleme lösbar sind. Held und Welt befinden sich im Zustand einer fundamentalen und nachhaltigen Krise. Doch stellt Büchners Text sicherlich einen in seiner extremen Konzentriertheit und Egozentriertheit einzigartigen Sonderfall dar.

Geläufiger ist die Spielart, wie sie in Mundts seitenstarker und bemerkenswerter Novelle Madelon oder Die Romantiker in Paris vorliegt, ein Text, der jedoch ebenso wie Lenz Zerrissenheit an die Reflexion von Zeit rückbindet und die Handlungsgegenwart als Aushandlungsort schwerwiegender Probleme mit negativem Ausgang gestaltet.

Das erste Problem des Textes: Die dargestellte Welt befindet sich im Systemumsturz, der das Leben des Figurenensembles jedoch allenfalls tangiert und keine direkten Konsequenzen hat. Heißblütig verehrt wird Madelon vom Bildhauer mit dem mit Blick auf die Reflexivität des Textes natürlich bezeichnenden Namen Narziß, der als Zerrissener vorgeführt wird und am Ende ihren tragischen Tod zu verantworten hat. Zuvor jedoch wird sie aufgesucht von Major Eichen und dessen Tochter Rosalie. Eichen bewegt Madelon zur zwischenzeitlichen Rückkehr in das heimatliche Koblenz, um ihr die Geschichte ihres Hauses zu offenbaren, die eng mit der Geschichte ihrer Mutter verknüpft ist.

Sie erfährt, dass diese nach dem Tod des Vaters eine Freundschaft mit Eichen aufgebaut hatte und dass jener mit einem im Haus verborgenen Geldbetrag, auf den er zufällig gestoßen war, das marode Haus renovieren lassen wollte. Sie kommt daraufhin auf der Suche nach dem Geld, das Eichen ihr verschweigt, unglücklich zu Tode. Eichen lässt das Haus einreißen, ein Neues errichten und darin einen Raum im Stil des mütterlichen Umfeldes gestalten.

Die Offenbarung gegenüber Madelon dient dem Seelenheil Eichens, der die Last der Vergangenheit nicht mehr erträgt. Das zweite Problem also: die Offenbarung und Enträtselung der Vergangenheit, mit denen die Kindergeneration konfrontiert wird. Narziß wiederum ist nach deren Besuch in Paris überwältigt von Rosalie, reist ihr nach einem Fauxpas hinterher und rettet sie in einem dramatischen Moment aus dem brennenden Haus.

Der Eheschließung entzieht er sich dann aber jedoch, reist nach Frankreich zurück und ersticht auf einem Maskenball Madelon wie auch sich selbst. Das dritte Problem: das Künstlersubjekt als Zerrissener, dessen Handeln negative Konsequenzen nach sich zieht. Die temporalstrukturelle Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?, die der Text entfaltet, ist dem zu entnehmen: Installiert wird ein komplexes Zeitmodell mit mehrphasigem Vergangenheitssegment.

Die Gegenwart befindet sich in mehreren Hinsichten in einem Zustand des Umbruchs. Die Zukunft erscheint negativiert — im Tode der einen und im resignativen Rückzug der anderen. Die Verfasstheit der Figuren wie auch der Fortgang der Handlung werden durch die Textlogik als nicht tragbar gewertet, das Figurenensemble hat mit der Tilgung der Hauptfigur persönliche Einbußen hinzunehmen. Wie auch Ungern-Sternbergs Die Zerrissenen geht es dem Text um einen jungen männlichen Protagonisten, der zwischen verschiedenen Liebes- und Paarbildungsoptionen wählen muss — und damit überfordert ist und scheitert.

Wie ist das umgesetzt und inwiefern wird dabei Zeit reflektiert? Narziß steht zwischen drei Frauen.

Zum einen verband ihn in der jüngsten, Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Textgeschehen vorgelagerten Vergangenheit ein Verhältnis mit Madelon, das allerdings nur kurz währte. Zum anderen erscheint ihm mit Erzählbeginn Rosalie als neues Ziel seiner Sehnsüchte. Zwischenzeitlich hatte er zusätzlich eine ebenfalls kurze Affäre mit Susanne, der Kammerzofe Madelons.

Die Gesamtkonstellation führt zu einem subjektinternen Krisenherd und hat für alle Beteiligten nachhaltige Folgen. Konkretisiert wird Zerrissenheit wie auch bei Lenz ebenfalls auf der Textoberfläche. Während Lenz sich bereits in einem Endstadium von Zerrissenheit und in schwelendem Wahnsinn befindet, so ist Narziß einem Prozess zunehmender Verschlimmerung seines Zustands unterworfen.

Zwar ist der Zwiespalt, der sich für die Figur in den beiden unterschiedlichen Frauentypen Madelon und Rosalie ergibt, von Beginn an gegeben. Allerdings versucht die Figur fortwährend — wenn auch wider besseres Wissen — von Madelon loszukommen und Rosalie für sich zu gewinnen und zu ehelichen.

Ein grundlegendes und fatales Problem aber wird durch die Einsicht in das eigene Innenleben manifest: Ein Franzose, wie kann er anders, vor der Langenweile muß er die Flucht ergreifen, und so, Mutter, bin ich davon geflohn zwei Tage vor der Hochzeit!

Aber auf mich muß Niemand vertrauen! Ich habe mir selbst nie treu bleiben können, wie sollte ich es Andern sein! Du hast mich so verzaubert durch Dein Wesen, Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? ich so wild wurde und umherschwärmte ohne Ruh wie ein trügender Irrstern, welcher Jeden, der an ihn glaubte, in den tödtlichen Abgrund hinunterlockt! Er macht aber ferner Madelon für diesen Charakterzug verantwortlich, und mehr noch: tötet sie dafür.

Das allerdings hat zur Folge, dass die gesamte junge Generation hinsichtlich eines der für die dargestellte Welt — neben der Auseinandersetzung mit der ambivalenten Vergangenheit — wichtigsten Belange scheitert: Paarbildung.

Narziß lässt Rosalie sitzen, Dubois wird seiner Möglichkeit beraubt, mit Madelon zusammenzukommen. Nun stellt sich berechtigterweise die Frage, warum es gerade Madelon ist, die Narziß für seinen Zustand zur Rechenschaft zieht — wäre doch ebenso Susanne, die zwischendurch als Verräterin agiert, potenzieller Angriffspunkt gewesen.

Der Text begründet dies mit einem kunstreflexiven Zug, der in einem weitreichenden zeitreflexiven strukturellen Netz angelegt ist. Dabei sind zwei Aspekte von Bedeutung: Zum einen die Semantik der Figur Madelon, speziell in Abgrenzung von Rosalie; zum anderen die Typisierung des Künstlers Narziß, in der sich der eigentliche Grundzug der hier vorliegenden Form von Zerrissenheit nachweisen lässt und der zeitreflexiv unterbaut ist.

Wenn Narziß in der zuletzt zitierten Passage von »Liebeszauber« spricht, so deutet er damit offenkundig auf ein Modell hin, das die Romantik inflationär in Anschlag bringt: Der Jüngling unterliegt der erotisch konnotierten Anziehungskraft einer meist fantastisch-wunderbar fundierten Entität und gerät dadurch bedingt in Gefahr, vom — textideologisch Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

— Weg abzukommen.

Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

Indem er auf dieses Modell zurückgreift, offenbart Narziß damit ein Wissen, das ihn von romantischen Figuren unterscheidet. Denn während letztere dem Zauber unterliegen und ihm entweder entkommen Das Marmorbild oder ihm gänzlich nachgeben Der Runenbergohne dabei aber einen autoreflexiven Bezug zum eigenen Status als romantische Figur herzustellen, stellt Narziß ebendiesen Bezug her.

Der Text arbeitet demnach wie auch Vischers Cordelia mit Topoi, die er aufgreift und mit Bedeutung auflädt. Semantisiert wird die Liebe zu ihr mit süßer und wilder Unruhe, mit Entzücken und Schwärmen, mit Fantasie, mit sinnlichem Träumen, Lust und Sehnsucht, mit der Ambivalenz aus Glück und Elend, mit Leidenschaft vgl.

Den Gegenpart nimmt aus Narzißʼ Sicht Rosalie ein, die bezeichnenderweise, mit Sanftheit, Wahrheit, Klarheit, Milde, ohne Verführung, als gediegenes Glück vgl. Beide Formen präsentiert der Text aus Narzißʼ Sicht als nichtrealisierbare Extreme: Die eine Form ist zu unstet und durch ein Übermaß an Leidenschaft geprägt, die andere im Gegenteil — Narziß sagt es selbst — durch Langeweile.

Das Hauptproblem stellt dabei der Mann dar, der weder das eine überwinden, noch das andere akzeptieren kann. Die Figurensemantik Madelons aber ist mindestens in einer weiteren Hinsicht bemerkenswert. Sie repräsentiert eine nach Frankreich Übergesiedelte und hat mit ihrer Verwitwung die genannten Merkmale überhaupt erst angenommen. Dafür spricht neben der Nationalität auch die Parallelführung des Alters der Figuren: In der Handlungsgegenwart ist Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

26 Jahre alt, mit 16 Jahren heiratet sie einen französischen Offizier; Rosalie ist ihrerseits zum Zeitpunkt der gegenwärtigen Handlung 16 Jahre alt und steht als potenzielle Heiratsoption zur Verfügung. Das, was mit Madelon in der jüngeren Vergangenheit verhandelt wurde, wird nun erneut mit Rosalie verhandelt.

Da Paarbeziehungen insgesamt eine erhebliche Rolle im Text spielen, ist diese Konstellation natürlich von besonderer Prägnanz. Partnervereinigungen in der Vergangenheit glücken nur temporär: Madelons Mutter Juliane lebt bis zum Tod ihres Mannes in einer unglücklichen Ehe; ihre Beziehung zu Eichen stagniert als platonische.

Madelon selbst ehelicht zwar einen Mann von Rang, der jedoch frühzeitig verstirbt, woraufhin sie in die Armut abzurutschen droht. Neben ihrer temporären Realisation unterscheiden sich die wesentlichen Partnerbeziehungen der tieferen Vergangenheit von den Versuchen der Paarfindung der Gegenwart hauptsächlich dadurch, dass sie fruchtbar gewesen waren und Nachwuchs hervorbringen konnten.

In der Gegenwart scheitern alle diese Versuche schon vor der Hochzeit. Wenn von der Kindergeneration — und damit von der Gegenwart — erwartet wird, Probleme der Vergangenheit in den Griff zu bekommen und sie zu lösen, so enttäuschen ihre Vertreter auf ganzer Linie: Wie schon Madelon wird Rosalie zunächst unverheiratet und kinderlos bleiben; Eichen zieht sich mit seiner Tochter resigniert zurück.

Die Hauptfiguren Madelon und Narziß werden gar durch Tod Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?. Probleme, die der Text entwirft, werden durch die Vergangenheit aufgeworfen, bleiben allerdings unlösbar über das Textende hinaus bestehen. An ihrem Tod wird die Negativierung der Zukunft offenkundig, jedenfalls auf Individualebene. Zu lesen ist dieser Zusammenhang jedoch nicht allein in anthropologischer Hinsicht, sondern, wie gesagt, eben auch in kunstreflexiver.

Narziß befindet sich in einem »Künstlerzwiespalt« ebd. Insofern erlangen die obigen Ausführungen eine weitere Deutungsebene: Wenn Narziß in Liebesdingen unentschlossen agiert und gleichzeitig für gegenteilige Optionen jeweils heftig und doch aber nur zeitweilig überzeugt plädiert, so tut er das auch — und vor allem — in ästhetischer Hinsicht.

Gegenüber Eichen öffnet er sich: Ich bin ein Bildhauer, und in meiner, stillen, nur vom Schlag des Meißels durchtönten Werkstatt ist mir oft so wohl, daß ich in der friedlichen Gesellschaft meiner Bilder alle, auch die wildesten, Triebe des Herzens beruhigt fühle, daß ich aus der kunstgeweihten Einsamkeit nie mehr herausgehn möchte in die stürmisch bewegte Welt, daß ich wünsche, so bei meinem Marmor und Stein das Leben verträumen zu können, während draußen fern von mir Elend und Gefahr, Lust und eitles Glück der Menschen vorüberrauscht!

Narziß fährt fort: Dann aber beginnt mich auch plötzlich wieder vor dieser meiner Abgeschiedenheit zu grausen, mich friert vor der Kälte meiner leblosen Statuen, meiner stummen Gefährten, die in ihrem glatten, menschenähnlichen schönen Leibe keine Empfindungen, keine Leidenschaften bergen; des Künstlers Stillleben verliert seine Weihe und der Mensch lockt mich hinaus zum reizenden, freien Erdengenuß, in die wärmere Zone der Sinnlichkeit, der schäumenden, lachenden üppigen Freudenfülle des Lebens!

Das Subjekt ist unausgeglichen, in seinen Ansichten schwankend — und ebendies macht den Kern aus, von dem aus Zerrissenheit motiviert ist. Narziß diagnostiziert, dass die eigene persönliche Verfasstheit gefährdet sei und allein durch die Legitimierung der Liebe zu Rosalie gefestigt werden könne: So war auch ich fast rettungslos in diesen Künstlerzwiespalt zweier Extreme des Göttlichen und Irdischen versunken, und mein Naturell, meine Erziehung, meine Verhältnisse, ein bedeutendes Vermögen, das ich von dem früh gestorbenen Vater ererbt und das eine zärtliche, willenlose Mutter mir ganz für den Genuß des Lebens überließ, Alles trug dazu bei, mich nach zwei mit einander streitenden Richtungen in die Irre zu führen, so daß ich weder in meiner stillbegrenzten Kunst die alleinige Befriedigung des Lebens, noch im Leben die wahre Grenze des Genusses finden kann.

Da erblickte ich zum ersten Mal das mild lächelnde, unaussprechlich gütige Antlitz Ihrer geliebten Tochter, und es war mir, als sähe ich den Tugendengel plötzlich vor mir erscheinen, der mir zuwinkte und mir zuflüsterte, daß ich nur in ihrem Besitz Frieden und Versöhnung für mein zerrissenes, verworrenes Streben finden würde!

Liebe, Kunst und Leben sind miteinander verschränkt. Narziß befindet sich im »Zwiespalt zwischen Romanticismus und Classicismus der Liebe und des Lebens« ebd. Jener spricht von einer »armseligen Gegenwart« mit ihrem » neumodischen Bombast« beide ebd. Dubois hingegen deklariert die alte Zeit für vergangen »würdige Leichenrede«; ebd. Er selbst plädiert schließlich für eine Loslösung der Kunst von der Politik sowie für ihre Autonomisierung.

Insgesamt ist demnach ein breites Raster diachron aufeinander folgender und synchron voneinander abgegrenzter Ästhetiken anzunehmen, deren Existenz im Text aufs Stärkste den Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart wie auch die Heterogenität der Gegenwart betont.

Er steht folglich gleich in mehreren Hinsichten zwischen den Stühlen, seine Unentschlossenheit ist sein prägendes Signum. Zu folgern wäre: Kunst formiert ein hochgradig heterogenes Feld mit Einzelpositionen, Feindifferenzen, Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?, Aktualitätsgraden — Narziß als Repräsentant dieses Feldes dient daher als zentrales Zeichen für ihren gesellschaftlichen und zukünftigen Status. Seine Kunstproduktion steht in Zusammenhang mit Liebe und gerät zum Mittel zum Zweck Madelons Statue und Major Eichens Büstesein Handeln unterbindet das eigene Fortleben wie auch das Madelons und hinterlässt damit den Kollegen und Freund Dubois, der als Partneroption für Madelon in Frage kommt, mit leeren Händen.

Man ist geneigt zu behaupten, dass Dubois als Künstler zwar teilweise zu überzeugen vermag — obwohl er mit seiner Simson-Tragödie auf einen alttestamentarischen Stoff zurückgreift und eben nicht Neues schafft —, allerdings als Mensch und in seinem Handlungsziel, Madelon für sich zu gewinnen, vollends versagt.

So wie das Weltgeschehen, das metonymisch in der als äußerst dynamisch gezeichneten »Hauptstadt der neuern Weltgeschichte« ebd. Oberflächlich besehen handelt es sich bei der verzweifelt-unentschlossenen Partnersuche um den hauptsächlichen Motivationsfaktor für die vorliegende Variante.

Narziß ist zwar nicht alleiniger Held — die Erzählinstanz wechselt fortwährend zwischen fokussierten Figuren —, aber er stellt denjenigen Part dar, der sich selbst als unzulänglich erlebt und dadurch zum Mörder wird. Entscheidend ist dies für den Umgang des Textes mit Zeit in doppelter Hinsicht: Erstens ist die Konfrontation mit der Vergangenheit in Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? erzählten Gegenwart ausschlaggebend für die Modellierung einer stagnierenden Zukunft auf Figurenebene.

Madelon vermag nach Einsichtnahme in die Vergangenheit nicht, sich von dieser zu lösen und ihre Zukunft zu gestalten; Narziß gelangt zu der Erkenntnis des eigenen Ungenügens und handelt fatal. Beides hat auch Einfluss auf Cidevant und Dubois sowie auf Eichen und Rosalie. Dahingehend zieht der Text ein resignatives Fazit. Kunst ist hauptsächlich eines: regressiv orientiert, und diese Ausrichtung wird von allen Beteiligten problematisch empfunden. Dass Kunst in allen Fällen zweckgebunden zur Huldigung einer Frau vorliegt, mit dem Ergebnis misslingender Paarbildungen, kann auch auf Textebene als Plädoyer gegen Zweckgebundenheit und Regression verstanden werden.

Das Hauptproblem des Textes ist mithin die Bindung an die Vergangenheit Kunst und Figurendie einer fortschreitenden Zeit der Welt entgegensteht und die Zukunftsfähigkeit von Kunst unterbindet. Dabei wird Zerrissenheit auf verschiedenen Wegen motiviert. Was also für den Zerrissenen akut ist, ist auch für die dargestellte Welt akut: Inkonsistenz, Heterogenität, Imponderabilität, Insuffizienz und Defizienz. Das heißt, Zerrissene formieren figürliche Kulminationen der vom Literatursystem als problematisch erachteten Reziprozität von temporal-ontologisch zirkulärer und linearer Weltfundierung sowie von vergangenheitsorientierter und zukunftsorientierter Weltgestaltung.

Die Untersuchung war bislang vornehmlich auf die Ebene des Dargestellten bezogen: Welten, Räume, Figuren und ihr Verhältnis zueinander. Zeitmodellierend schlägt sich dies Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? der Kombination von Zirkularität und Linearität nieder, die im Zusammenhang mit der Dynamik oder Statik der dargestellten Welt steht. Strukturgebend auf Ebene des discours sind nun zwei Erzählstrategien: 1 die Funktionalisierung von Textelementen in lyrischer Diskursivierung und 2 die narrative Retrospektive.

Beide Strategien sind für das vorliegende Textkorpus signifikant. Dem liegt die Hypothese zugrunde, dass auch das Erzählen selbst — nicht allein das Erzählte — aus literaturhistorischer Sicht den Status eines Interims abbildet, insoweit es auf die Goethezeit zurückweist und den Realismus vorwegnimmt.

Man denke nur an die Werke etwa von Zschokke, Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?, Hauff und Mundt, an die von Dronke, Mügge und Hebbel und auch an die von Auerbach und Stifter — nicht zuletzt ebenso an unseren Ausgangstext Ottos Die Lehnspflichten.

Alle genannten Autoren verzichten in der Regel auf den Einsatz von Lyrik. Konnten noch in den verschiedenen Phasen der Goethezeit entweder das Drama oder die Lyrik als die dominierenden Gattungen gelten, so erfährt die Prosa in Form des Romans und insbesondere der Novelle im Abflauen der Goethezeit zunehmende, schließlich sogar starke Präsenz, während erstere zwar nicht gänzlich verschwinden, aber gegenüber dem Vorgängersystem eine vergleichsweise kleine Rolle spielen.

Diese Entwicklung ist dem Literatursystem durchaus bewusst und kann an Texten selbst abgelesen werden. Daher finden sich in Erzähltexten der 1820er- und auch der 30er-Jahre — weniger dann in den 1840er-Jahren Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? allenthalben lyrische Formen wieder, die zwar in Prosakontexte eingebettet sind, dort allerdings wichtige Funktionen einnehmen. Das wird kein Zufall sein. Auch ist es nicht als schlichte Fortführung von goethezeitlichen Erzähltraditionen zu werten, dass Lyrik in Prosatexten auftritt — sondern muss als intentionales Textmerkmal und metatextuelle Regulation der Zwischenphase begriffen werden, die dadurch ihre Stellung zur Goethezeit zum Ausdruck bringt.

Die Problemkonstellation in Fontanes Geschwisterliebe hatten wir bereits angerissen; wir wollen die Analyse vertiefen. Zu konstatieren war bis hierher, dass Geschwisterliebe das Prinzip der anthropologischen Reduktion flexibilisiert, indem er die radikale und die relative Teilregulation miteinander kombiniert: Die dargestellte Anthropologie, so wurde gesagt, ist angesichts der eklatanten Fehlleistungen der Figuren untragbar und zugleich doch auch unverzichtbar; so defektiv sie der Text kennzeichnet, so zwangsläufig ist ihre Defizienz innerhalb einer literarischen Diskursivierung.

Diesen Widerspruch baut der Text auf, indem er sämtliche Figuren des fokussierten Teilraums durch Tod tilgt, sie damit jedoch in ein der Welt eingeschriebenes Jenseits überführt. Entscheidend ist die Handlungsdynamik, durch die dieser Endzustand herbeigeführt wird. Denn in der Erzählung ist die Verzahnung regressiven und progressiven Handelns und Denkens signifikant: Nach der Paarbildung zwischen Clara und Eisenhardt wird die regressive Tendenz Rudolphs offensichtlich; zuvor erfährt Clara mit der Einsicht ihrer Liebe zu einem fremden Mann die Markierung eines progressiv orientierten Textelementes.

Textlogisch ist eine regressive Ausrichtung jedoch unabdingbar, die Rückkehr in einen Vergangenheitsraum gar existenziell notwendig. Denn Clara wird mit der Trennung von ihrem Bruder in einen Leidenszustand versetzt und gesteht sich den schadhaften Verlust der geschwisterlichen Vereinigung ein.

Die regressiv-progressive Reziprozität, wie sie uns in diversen Ausformungen in diesem Kapitel begegnet ist, hat auch hier Zukunftsnegation zur Folge. Die dargestellte Welt ist — auch über das Textende hinaus — temporalsemantisch polysem. Mikrostrukturell manifestiert sich die anthropologische Störung, um die es hier geht, bereits in der Figurenkommunikation.

Und hier kommt — jedoch nicht Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? — die Lyrik ins Spiel. Fundamentale, aktuell-gegenwärtig entstehende zwischenmenschliche Probleme nämlich werden mittelbar in lyrischer Form zum Ausdruck gebracht ebenso wie sie unmittelbar im gemeinsamen Gespräch kommuniziert werden.

Die Eigenschaft zu singen und Lyrik zu produzieren, entspricht einer antiquierten Anthropologie oder einer Anthropologie der Regressivität. Fontanes Text weist vier Lieder auf, die durch die Handlung motiviert und entsprechend innerdiegetisch Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

sind nicht also etwa als bloße Mottos zu Kapitelanfängen fungieren. Alle haben gemein, dass sie einer psychischen Problemlage entspringen, die die Figur als solche erkennt und nicht anders als in Liedform zu verarbeiten weiß. Ferner finden sich in allen Texten Entsprechungen von Personen der fiktiven Realität wieder: Rudolph singt über Clara, Clara über Rudolph.

Lyrik verarbeitet folglich Realität und entwickelt im Zuge dessen alternative Welt- Figuren- und Zukunftsentwürfe. Die Funktion der Lieder ist demnach offensichtlich: Sie dienen der selbsttherapeutischen Kompensation zwischenmenschlicher Problemlagen im künstlerischen Ausdruck.

Bezeugt wird dies etwa durch die Einbindung des Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? der Harfe: Sobald Rudolph »seines entsetzlichen Unglücks bewußt« ebd. Hauptsächlicher Produzent ist denn auch mit drei Liedern Rudolph; zumindest eines der Lieder stammt von Clara.

Sie ist an dieser Stelle klar progressiv ausgerichtet. Zutage tritt auch das aus ihrer Sicht zentrale Problem, das sie an ihrer Loslösung hindert: Die Blindheit des Bruders und seine Bedürftigkeit. Um Verzeihung will ich beten Vor dem Engelsangesicht, Daß im wilden Herzenskampfe Liebe siegte über Pflicht. Ach, so soll ich ihn verlassen! Wie so engelsmilde Er so plötzlich auf mich blickt; Doch es waren wohl nur Grüße, Die der Mond mir zugeschickt.

Aber nein, in seinem Auge Glänzt das wunderbare Licht, Segensvoller, Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

Strahlt mir selbst die Sonne nicht. Gott, wie groß doch deine Werke An mir schlichtem Mädchen sind, Ach, nun steht die Welt mir offen, Rudolph ist ja nicht mehr blind.

Clara versieht Rudolph mit Insignien eines Heiligen und Überirdischen. Damit überhöht sie einerseits ihren Bruder ins Übermenschliche, sie zeigt damit andererseits die hohe Notwendigkeit der eigenen Fürsorge an und hebt auf ihr Hauptproblem ab, das im Vers »Liebe siegte über Pflicht« aufgeht: Liebe und Pflicht sind unvereinbar; sie stehen in oppositioneller Relation.

Die Pflicht bindet sie an den Bruder, Liebe allerdings erfordert deren Auflösung und das Verlassen des Bruders. Clara befindet sich also in der Konfliktlage, dem Wunsch auf Liebeserfüllung nachgehen zu wollen und zugleich über ihre Verpflichtung gegenüber dem Bruder bewusst zu sein. Aufgelöst werden kann diese Inkonsistenz nur durch die Tilgung der selbstauferlegten Pflicht, was gottgelenkt mit der Transformation vom Blinden zum Nicht-Blinden vollzogen wird.

Im Lied erübrigt sich Claras Problem, ihrem Wunsch auf Öffnung der Welt und Liebeserfüllung wird entsprochen. Claras Äußerung ist mithin realitätsbezogen, zugleich aber realitätsinkompatibel.

Die getätigten Propositionen haben nur teilweise Entsprechungen in Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? dargestellten Wirklichkeit, insbesondere aber nicht in den für das geschwisterliche Verhältnis und zur Lösung des Figurenkonflikts entscheidenden Punkten. Rudolphs Texte sind ähnlich konstituiert, jedoch mit anderer intentionaler Ausrichtung und anderem Status in Bezug auf die Wirklichkeit.

Lied I ist wie auch Claras Text durch vierhebige Trochäen strukturiert; die Geschwister singen im Gleichmaß. Selbst die dunkelste der Nächte Sieht am Morgen wieder Licht, Nur der düstren Nacht des Blinden Harrt das Licht des Tages nicht.

Höhnt das deine Weisheit nicht? Laß mich einmal nur erschauen Deiner Augen Sternenlicht, Und ich will dir ganz vertrauen, Länger zweifeln will ich nicht. Laß mich in Claras Herz mich lesen, Zeige mir ihr Angesicht, Ja, du bist ein höchstes Wesen, Einen Zweifel gibt es nicht. Der christliche Grundzug ist demnach wie bei Clara vorhanden, gleichwohl in anderer Funktionalisierung. Die Fähigkeit des Lesens impliziert den Vorgang der Decodierung von Zeichen; das Herz ist im kulturellen Wissen als Symbol für die Liebe und Topos des Gefühls abgespeichert.

Wenn also Rudolph fordert, in Claras Herzen lesen zu dürfen, dann deutet das auf eine tiefe Verunsicherung in Bezug auf Clara hin wie auch auf den Kontrollzwang, dem Rudolph unterliegt. Er möchte sich über die Gefühle seiner Schwester Klarheit verschaffen, als ob ihm schwante, dass die Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise? Verbindung auf der Kippe steht. Clara jedenfalls lauscht dem Lied Rudolphs und erstarrt. Ihr Geheimnis zeigt an, dass dem Verhältnis tatsächlich eine Veränderung bevorsteht.

Es baut sich erneut über den Gegensatz von Ich und Welt auf, wobei besonderes Augenmerk auf der Hochzeit und der Tragfähigkeit der Ehe liegt. Die Sprechinstanz nimmt dabei zunächst nur eine Beobachterposition ein, ist dann jedoch selbst involviert — und verfährt nunmehr in jambischem Versmaß.

Und ehe neue Bilder Mir Leib und Seelʼ erschreckt, Die wild und immer wilder Den Wahnsinn wohl geweckt, Enfloh ich meinem Lager, Doch nicht der Angst und Not, Mir folgte, blaß und hager, Ihr Gatte jetzt — der Tod. Angesichts der nun für ihn und seine Schwester neuen Situation entwirft Rudolph eine dystopische Zukunftsvision, die durch den Tod geprägt ist. Dabei wird die Problematik als massiv gefährdend markiert und zeitlich ausdifferenziert: Zu einem Zeitpunkt t1 geht es noch feierlich zu, wenngleich die Sprechinstanz — die nun hier interessanterweise imstande ist, in die Herzen Warum scheitert die Liebe zwischen Ferdinand und Luise?

blicken — den Brautleuten jedwedes Gefühl abspricht. In t2 offenbart sich eine besondere Semantik des Bräutigams »blaß und hager« ; die Braut erleidet den Tod durch seine Hand. Rudolphs lyrisches Zukunftskonzept sieht demnach Negation durch Tod vor und beruht auf der Gefahr sexueller Liebe ausgehend vom Mann, die — sofern man diese Übertragung vornimmt — gleichermaßen Clara und Rudolph in existenzieller Hinsicht betrifft.

Sein Konzept steht demjenigen Konzept Claras und Eisenhardts gegenüber, die jenes nicht lyrisch kommunizieren, sondern im direkten Gespräch mit Rudolph zu klären suchen, indem sie für die Neukonstellation bestehend aus Ehepaar und Bruder plädieren. Wenn Clara mit ihrem Ablösungsversuch wie auch dem Versuch der Realisierung ihrer Liebe zu Eisenhardt zumindest zwischenzeitlich ein anthropologisches Konzept der Goethezeit ansteuert, so muss — das wird an dieser Stelle deutlich — für Rudolph ein neues anthropologisches Konzept angenommen werden, das dem der Goethezeit entgegensteht und die Familie als ranghöchsten Wert definiert.

Und ebendieses Konzept klassifiziert der Text als gültiges. Denn während Claras künstlerisch getätigte Aussagen zwar realitätsbezogen, aber realitätsinkompatibel sind, so referieren Rudolphs Aussagen nicht nur ebenfalls auf die Wirklichkeit der Figuren, sondern formieren zugleich eine zukunftsgewisse Prolepse — gleichwohl im hyperbolischen Sprachmodus.

Rudolphs Text ist realitätsbezogen und realitätskompatibel. Seine Prophezeiung tritt im Kern tatsächlich ein. Bestätigt wird dies im letzten Lied. Den erneuten Situationswechsel zeigt der Text durch eine dominant daktylische Struktur mit lose jambischem Einschlag an.

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